Salve!

  • Auferlegte Entscheidungen / Imposed decisions

    Wir alle treffen im Laufe des Tages unzählige Entscheidungen. Die meisten davon sind Routineentscheidungen wie: aufstehen, Kaffee machen, duschen, anziehen, zur Arbeit gehen. Es gibt größere Entscheidungen, die wir mit anderen Menschen abstimmen müssen, so wie der gemeinsame Urlaub. Und es gibt grundlegende Entscheidungen, so wie die Entscheidung für ein Baby, für eine Ehe, für einen Partner- oder Jobwechsel, usw. Letztere haben vermeintlich großen Einfluss auf unsere Zukunft, sodass wir gerne abwägen, ob die im Raum stehende Entscheidung für uns richtig ist.

    Entscheidungen setzen voraus, dass wir eine Wahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten haben. Wo diese Wahlmöglichkeit fehlt, ist das Ergebnis vorherbestimmt und verlangt es keiner konkreten Entscheidung.

    Die Frage, die ich mir stelle ist, ob wir unsere Wahl bzw. unsere Wahlmöglichkeiten frei zu wählen haben dürfen, damit wir von einer Entscheidung sprechen können.

    Beispiel:

    Die Eltern stellen dem 25 jährigen Sohn zur Wahl, sich nach nun endlich zwischen dem Jurastudium und dem Maschinenbaustudium zu entscheiden, um endlich etwas Vernünftiges mit seinem Leben anzufangen. Ansonsten muss er das Elternhaus verlassen und sich selbst versorgen.

    Hier darf das „Kind“ innerhalb der Wahlmöglichkeiten ( Jura oder Maschinenbau) ganz offensichtlich eine eigene, freie Entscheidung treffen. Allerdings werden ihm de Wahlmöglichkeiten vorgegeben und scheint er in der Wahl der Möglichkeiten nicht frei zu sein.

    Hat er nun eine Entscheidung getroffen, wenn er sich beispielsweise für das Jurastudium entscheidet? Oder kann er in dieser Situation gar keine freie Entscheidung treffen, weil er die zur Wahl stehenden Möglichkeiten nicht selbst gewählt hat?

    Die hinter dem Beispiel liegende Frage ist also: wieviel eigene Freiheit setzt eine Entscheidung voraus, damit sie eine Entscheidung ist?

    In unserem Beispiel a) ist der Entscheider nicht wirklich frei in seiner Wahl; der Rahmen ist vorgegeben. Oder doch nicht?

    Es ließe sich einwenden, dass der Sohn die ihm zur Wahl gestellten Wahlmöglichkeiten freiwillig akzeptiert. Er hätte ja auch die Wahl gehabt, ein ganz anderes Studium zu wählen oder gar nicht zu studieren. Was ihn davon abhielt, wirklich frei zu wählen, was das ihm in Aussicht gestellte Übel: „alternativ hast Du für dich selbst aufzukommen und unterstützen wir dich finaziell nicht mehr“.

    Dem Sohn wird hier – aus seiner Sicht – mit einem empfindlichen Übel gedroht, nämliche der Wegfall der elterlichen Nestwärme. Das Übel war für ihn so groß, dass er die Wahlmöglichkeiten akzeptierte.

    Indem der Sohn die von den Eltern gestellten Wahlmöglichkeiten als abschließend akzeptiert, und keine dritte oder vierte Variante für sich zulässt, entscheidet er doch bewusst darüber, die Bedingungen der Eltern zu akzeptieren. Er unterlässt eine eigene Entscheidung über seine Zukunft und streng genommen ist sein Unterlassen dann eben doch eine bewusste, freie Entscheidung. Diese Entscheidung trifft der Sohn, noch bevor er sich zwischen den Wahlmöglichkeiten zu „entscheiden“ hat.

    In unserem Beispiel kommt nun erschwerend hinzu, dass dem Sohn ein – aus seiner Sicht – empfindliches Übel in Aussicht gestellt wurde, namentlich der Wegfall der eltelichen Nestwärme. Die Eltern drohten damit, ihn rauszuwerfen, wenn er sich nicht zwischen A und B entscheide.

    Jetzt fragt es sich noch, ob seine vorgezogene, eigene Entscheidung, die elterlich gestellten Wahlmöglichkeiten zu akzeptieren und eigene, weitere Wahlmöglichkeiten zu unterlassen, wirklich vollends frei war. Schließlich wurde dem Sohn mit einem aus seiner Sicht empfindlichen Übel gedroht und dürfte ihn dieses Übel in seiner Entscheidung beeinflusst haben und somit „unfrei“ gemacht haben (wir lassen hier außer Acht, dass die Frage berechtigt ist, ob einem erwachsenen Menschen die Androhung des Entzugs von elterlicher Nestwärme tatsächlich unfrei machen kann; hier es geht uns ausschließlich um das subjektive Empfinden des „Kindes“).

    Aus juristischer Sicht haben die Eltern mit einem – aus Sicht des Sohnes – empfindlichen Übel gedroht, um ihn zu einer Handlung zu „nötigen“. Klarzustellen ist, dass die Eltern sich dennoch nicht strafbar gemacht haben im Sinne von § 240 StGB, insbesondere weil die erforderliche „Verwerflichkeit“ der Tat fehlt. Es ist nicht verwerflich, dem erwachsenen Kind die Haustür zu zeigen und mit dem Rausschmiss von Zuhause zu drohen.

    Aus „philosophischer“ Sicht (ich bin und bleibe hier Laie) dürfte der Sohn längst eine bewusste Entscheidung getroffen haben, ehe er überhaupt mit dem Übel konfrontiert wurde: nämlich abhängig von den eigenen Eltern zu bleiben, obwohl er „formal“ erwachsen ist, oder anders formuliert, zu unterlassen, eigenständig zu werden. Seine bewusste Wahl, abhängig zu bleiben, ließ die Aussicht, die Nestwärme zu verlieren, aus Sicht des Sohnes erst zu einer Drohung bzw. zu einem empfindlichen Übel werden. Hätte der Sohn sich vorzeitig dazu entschlossen, erwachsen und unabhängig von seinen Eltern zu werden, so wäre der drohende Verlust der Nestwärme kein Übel für ihn gewesen. Die Folge wäre gewesen, dass der Sohn dann bei der Aufforderung der Eltern (sofern es überhaupt zu dieser Situation gekommen wäre), hätte frei und ohne Druck entscheiden können. Für den Sohn waren aber die Vorteile der Abhängigkeit bisher überwiegend, insbesondere musste er keine Verantwortung für sich selbst übernehmen und er konnte er sich die gewohnte Bequemlichkeit bewahren.

    Die Lage des Sohnes, sich in einer empfundenen „Zwangslage“ zu befinden, dürfte uns in ganz unterschiedlichen Konstellationen bekannt vorkommen. Wir empfinden Ausweglosigkeit und Zwang zu Situationen, in die wir uns mehrere Schritte vorher durch freie Entscheidungen geschaffen haben. Wir müssen dann oftmals erkennen, dass die jetzt bestehende Zwangslage nur deswegen besteht, weil wir die Konsequenzen vorheriger Entscheidungen, die die Zwangslage vermieden hätten, nicht tragen wollten. Vielleicht wären diese Konsequenzen (Sohn: Verlust der Bequemlichkeit, Übernahme von Verantwortung) aber gar nicht so schlecht für uns gewesen, wie wir damals befürchtet haben. Vielleicht wären die Konsequenzen allemal besser gewesen als die (vermeintlichen) Zwangslage, in der wir uns aktuell befinden.

    Aktuell befinde ich mich in einer vergleichbaren Zwangslage. Die mir zur Wahl stehenden Möglichkeiten sind entweder nicht frei, oder ist die einzige – für mich freie – Möglichkeit versperrt, weil ich mich (noch) nicht in der Lage sehe, diese freie Entscheidung für mich zu treffen. Und mir wird auch die Zeit fehlen, die Hindernisse zur freien Entscheidung zu beseitigen. Ich muss aber leider (erneut) erkennen, dass ich mich über Jahrzehnte bewusst dazu entschieden habe, den vermeintlich unbequemen Weg zu meiden, der aber in Autonomie und Freiheit gemündet wäre und der vermeintlich bequeme Weg nun mit erheblichen Unbequemlichkeiten wartet.

    Was ich aber nun weiß ist, dass mir die Entscheidung nicht auferlegt wurde, so wie es sich bisher für mich angefühlt hat. Ich habe die Wahl (gehabt), nur habe ich die Wahl nicht genutzt, die mir die jetzige Entscheidung erspart hätte. Und wenn die jetzige Entscheidung also unausweislich ist, so habe ich sie in der Vergangenheit bereits getroffen.

    We all make countless decisions throughout the day. Most of them are routine decisions, such as: getting up, making coffee, having a shower, getting dressed, going to work. There are bigger decisions that we have to discuss with other people, such as planning a holiday together. And there are fundamental decisions, such as deciding to have a baby, to get married, to change partners or jobs, and so on. The latter are thought to have a major impact on our future, so we tend to weigh up whether the decision at hand is the right one for us.

    Decisions presuppose that we have a choice between different options. Where this choice is lacking, the outcome is predetermined and requires no specific decision.

    The question I ask myself is whether we must be free to choose our options in order for it to be considered a decision.

    Example:

    The parents are giving their 25-year-old son the choice of finally deciding between studying law and studying mechanical engineering, so that he can finally do something sensible with his life. Otherwise, he will have to leave home and fend for himself.

    Here, the ‘child’ is quite clearly allowed to make his own free choice within the available options (law or mechanical engineering). However, the options are dictated to him and he does not appear to be free to choose between them.

    Has he actually made a decision if, for example, he chooses to study law? Or is he unable to make a free decision in this situation at all, because he did not choose the available options himself?

    The question underlying this example is therefore: how much personal freedom does a decision require in order to be considered a decision?

    In our example (a), the decision-maker is not truly free in his choice; the framework is predetermined. Or is he?

    One might argue that the son voluntarily accepted the options presented to him. After all, he could have chosen a completely different course of study, or not studied at all. What prevented him from making a truly free choice was the threat held over him: ‘alternatively, you will have to fend for yourself and we will no longer support you financially’.

    Here, the son is – from his point of view – threatened with a serious penalty, namely the loss of his parents’ financial support. This penalty was so great for him that he accepted the options presented to him.

    By accepting the options presented by his parents as definitive, and not allowing himself a third or fourth alternative, the son is in fact consciously deciding to accept his parents’ conditions. He refrains from making his own decision about his future and, strictly speaking, this refraining is, after all, a conscious, free decision. The son makes this decision even before he has to ‘decide’ between the options.

    In our example, the situation is further complicated by the fact that the son was faced with the prospect of what he regarded as a serious hardship, namely the loss of the comfort of his parents’ home. The parents threatened to throw him out if he did not choose between A and B.

    The question now remains as to whether his own, premature decision to accept the options presented by his parents and to refrain from considering any further options of his own was truly entirely free. After all, the son was threatened with what he perceived as a serious hardship, and this hardship is likely to have influenced his decision and thus rendered him ‘unfree’ (we shall disregard here the legitimate question of whether the threat of being deprived of parental warmth can actually render an adult ‘unfree’; our concern here is exclusively with the subjective perception of the ‘child’).

    From a legal perspective, the parents threatened the son with a hardship – which he perceived as severe – in order to ‘coerce’ him into an action. It should be made clear, however, that the parents have not committed a criminal offence within the meaning of Section 240 of the German Criminal Code (StGB), in particular because the required ‘reprehensibility’ of the act is lacking. It is not reprehensible to show an adult child the door and threaten to throw them out of the family home.

    From a ‘philosophical’ point of view (I am and remain a layman in this regard), the son is likely to have made a conscious decision long before he was even confronted with the problem: namely, to remain dependent on his own parents, even though he is ‘formally’ an adult, or, to put it another way, to refrain from becoming independent. His conscious choice to remain dependent was what, from the son’s perspective, turned the prospect of losing the comfort of home into a threat or a significant hardship in the first place. Had the son decided at an earlier stage to become an adult and independent of his parents, the impending loss of the comfort of home would not have been a hardship for him. The result would have been that, when his parents made the request (if indeed it had ever come to that), the son would have been able to decide freely and without pressure. For the son, however, the advantages of dependence had so far outweighed the disadvantages; in particular, he did not have to take responsibility for himself and was able to maintain his accustomed comfort.

    The son’s situation – finding himself in what he perceives as a ‘predicament’ – is likely to be familiar to us in a wide variety of contexts. We feel a sense of hopelessness and compulsion in situations that we ourselves have brought about several steps earlier through our own free choices. We then often have to realise that the predicament we now find ourselves in exists solely because we did not want to face the consequences of earlier decisions that would have prevented it. Perhaps, however, these consequences (son: loss of comfort, taking on responsibility) would not have been as bad for us as we feared at the time. Perhaps those consequences would in any case have been better than the (supposed) predicament in which we currently find ourselves.

    At the moment, I find myself in a similar predicament. The options available to me are either not freely chosen, or the only option – which is free for me – is blocked because I do not (yet) see myself as capable of making this free decision for myself. And I will also lack the time to remove the obstacles to making a free decision. Unfortunately, however, I must (once again) recognise that, over decades, I have consciously chosen to avoid the supposedly uncomfortable path – one which would have led to autonomy and freedom – whilst the supposedly comfortable path now holds considerable discomfort in store.

    What I do know now, however, is that the decision was not imposed on me, as it had felt to me up until now. I did (have) a choice, but I did not make use of it – a choice that would have spared me this current decision. And so, if this current decision is inevitable, then I must have already made it in the past.

  • Welche Tradition aus deinem Land liebst du besonders?

    In meinem Land werden traditionell verdiente Persönlichkeiten (egal ob aus der Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur, Unterhaltung) irgendwann systematisch zerstört, und zwar härter als diejenigen, die es verdient haben. Das kenne ich aus anderen Ländern so nicht.

    Ich liebe diesen Drang, obwohl mir die verdienten und dann abgestoßen Persönlichkeiten oft sehr leid tun. Ich denke es zeigt sich in dem Drang eine starke und schöne Sehnsucht nach großen Helden, nur ist die Enttäuschung besonders groß und schmerzhaft, wenn der Held menschliche Züge zeigt und er dann fallen muss.

  • Wenn du einen Tag aus deiner Vergangenheit noch einmal erleben könntest: Welcher wäre das – und warum?

    Es wäre der unbedeutendste Tag, vielleicht ein 15.05.1995 oder 08.09.2004.  Denn vielleicht würde mein heutiger Verstand dann aufhören, die Vergangenheit zu verklären und nicht so sehr an ihr klammern in der Feststellung, dass die Tage früher wie heute ihren ganz eigenen Wert haben.

  • Don Quijote und die Windmühlen / Don Quixote and the Windmills

    Kunstdruck Pablo Picasso - Don Quixote 60x80cm

    Die Meisten erwähnen Cervantes‘ „Don Quijote“ immer dann, wenn sie den Eindruck haben, gegen Windmühlen zu kämpfen; sprich: sich vergeblich aufzureiben und nicht weiterzukommen, sich rumzuplagen in irgendwelchen Scheingefechten.

    Im Deutschen existiert für dieses sinnlose Sich-Rumplagen tatsächlich die Redewendung, „gegen Windmühlen zu kämpfen“.

    Der im heutigen Sprachgebrauch verbliebene und dann auch unzutreffende „Restbestand“ vom alten Don Quijte könnte kein besseres Beispiel dafür sein, wie fehlgehend manchmal unsere Wahrnehmung ist:

    Am Beispiel unserer täglichen Scheingefechte, gleichgültig in welchem Bereich, erkennen wir sehr schnell eine Sinnlosigkeit in unserem Handeln und verlieren die Geduld mit uns und den anderen. In solchen Momenten kommt uns Don Quijote in den Sinn und wir erleben eine Form des Selbstmitleids, so allein wie er gegen Windmühlen zu kämpfen und manchmal überkommt uns sogar eine gewisse Angst, vielleicht auch so verrückt zu sein wie er; nämlich wenn wir meinen zu erkennen, dass wir an Dinge glauben, die möglicherweise gar nicht existieren. Was dann bei uns im Alltag folgt ist Ruhelosigkeit, Ärger, ungerechtes Verhalten gegenüber anderen aus eigener Unzufriedenheit. Wir laden uns sozusagen unser eigenes Schicksal auf den Rücken und werden, so würde es Don Quijote sagen, mit einem bösen Zauber belegt.

    Dabei spiegelt Don Quijote gar nicht den verzweifelten Kampf gegen Windmühlen wider, den wir alle kennen. Aus seiner Sicht ist der von ihm geführte Kampf freiwillig, sinnvoll, ehren- und tugendhaft. Denn in seiner verquerten Wahrnehmung ist er selbst zum fahrenden Ritter geworden, wie die Helden in seinen Rittermärchen. Don Quijote empfindet keinerlei Selbstmitleid oder Sinnlosigkeit. Ganz im Gegenteil, die ihm von ihm selbst auferlegte Aufgabe, nach den Werten und Tugenden der fahrenden Ritter zu leben und zu handeln und dafür auf eine feste Bleibe, auf Verpflegung, Wohlstand, Annehmlichkeiten und Sicherheit zu verzichten, erfüllt ihn mit Stolz und Sinn. Und in Namen seiner – von ihm selbst (einseitig) erwählten – großen Liebe zu seiner Herrin Dulcina – sieht er sich berufen, den bösen Zauber, dem die Windmühlen seiner Ansicht nach unterliegen, zu bekämpfen: für eine bessere Welt und für die Aufrechterhaltung der Tugenden, die er vermittelt.

    Der Kampf des Don Quijote gegen die (verzauberten) Windmühlen mag in seiner Wahnvorstellung ursächlich sein, dass Zauberer existieren und er berufen ist, sich dem zur Wehr zu setzen. Insofern wird er an unzähligen Stellen in dem Roman von Weggefährten und Beobachtern auch oftmals belächelt oder wird sein Verstand in Abrede gestellt oder sind die Personen sich sicher, dass er schlicht irre oder wahnsinnig sei. Es ist gestern wie heute, dass ein Mann (zusammen mit seinem Knappen), gekleidet in Ritterrüstung und wirres Zeug über seine Herrin, über Zauberer und über seine Ritterhelden redend, unweigerlich für verrückt erklärt wird.

    Nun zu meinem eigentlichen Anliegen: wie sehr belastet oder beeinflusst Don Quijote diese Wahrnehmung der Anderen, der gegen ihn gerichtete Spott? Wie viele Gedanken macht er sich über sein eigenes Bild bei den Anderen? Wie irre und geistig umnachtet ist er wirklich im Vergleich zu denen, die sich über ihn lustig machen? Kennen die Spötter denn die wirklich die Wahrheit und können sie mit Fug und Recht sagen, dass Don Quijote einem Wahn unterliegt? Woher wissen sie eigentlich, dass die Windmühlen, tatsächlich oder bildlich, nicht verzaubert sind? Woher wissen sie, dass die Ritter, die Don Quijote als Vorbilder dienen, tatsächlich nicht existierten? Und wie relevant ist es überhaupt, wer dabei wirklich Recht hat?

    Don Quijote steht für Mut, Tatentschluss, Überzeugung, ritterliche Tugenden und eine bessere Welt. Ist es nicht erschreckend zu sehen, wie ungewohnt das seinen Beobachtern ist, sodass ihnen nur der Weg bleibt, sich über ihn zu belustigen? Könnte hinter deren Ablehnung nicht die Angst stehen, zu erkennen, im eigenen Leben keinen richtigen Sinn zu haben und immer nur wie ein Lamm mit der Herde zu laufen? Reagieren wir nicht alle automatisch mit Ablehnung und Spott, wenn uns Jemand begegnet, der für eine Sache wirklich einsteht, die wir nicht einsehen wollen?

    Anders formuliert: es kann doch dahingestellt bleiben, ob Don Quijote verrückt ist oder ob das Sichtfeld seiner Spötter zu eng ist und sie nicht das „Große“ sehen können. Es kann dahingestellt bleiben, weil Don Quijote es nicht als seine Aufgabe ansieht, zu gefallen und zu überzeugen. Ihm, dem Protagonsiten, ist die Meinung der anderen vollkommen gleichgültig. Der „Sinn“, den wir alle erfahren wollen und leider nicht den Mut haben, ihn suchen zu gehen, weil wir dann allein sein könnten mit unserem eigenen „Sinn“, ist derart subjektiv und relativ, dass es kein Richtig oder Falsch bei der Antwort geben kann.

    Allerdings, um wirklichen Sinn für das eigene Leben zu empfinden, sei es als fahrender Ritter, als Bettler, als Imker, Influencer, usw., sind wir doch aufgefordert, den Weg des Don Quijote selber zu gehen und dafür unter Umständen dann Bequemlichkeit, Sicherheit und Wohlstand zu opfern. Und weil uns das so absurd erscheint, so sinnlos und dumm, weil wir das Risiko scheuen, einen falschen Weg zu nehmen, verspottet zu werden, allein zu sein mit unserem Sinn, bleiben wir diejenigen, die selber spotten, einfach weil es leichter ist und wir damit vermeintlich besser schlafen können.

    Don Quijote ist für mich ein Vorbild an Mut und Tapferkeit. Seine Berühmtheit in der Mancha und in Spanien erlangte er nicht, weil es ihm darauf ankam, sondern beiläufig, weil er den anderen so fremd war. Er, der Verrückte, wurde zum Vorbild. Und dabei kommt es nicht im Ansatz darauf an, ob die Windmühlen tatsächlich verzaubert waren, so wie er meint. Er wurde Vorbild, weil er – im Wahn oder nicht im Wahn – felsenfest einstand für das, was ihm wichtig ist.

    Wenn wir also wieder denken, dass wir täglich gegen unsere Windmühlen kämpfen und in Selbstmitleid zergehen, dann sollten wir uns fragen, ob wir wirklich in eigenem Auftrag unterwegs sind. Wenn nicht, dann brauchen wir den Kampf auch nicht führen. Wenn aber doch, dann auch mit den Tugenden, die uns wichtig sind (Selbstmitleid ist keine Tugend). Und wenn uns jemand mal wieder sagt, dass er derzeit gegen Windmühlen kämpfe, dann können wir ihn doch eigentlich nur beglückwünschen.

    Most people mention Cervantes’ Don Quixote whenever they feel they are fighting windmills; in other words, wearing themselves out in vain and getting nowhere, toiling away in some sort of mock battle.

    In German, there is in fact an idiom for this pointless toiling: ‘fighting windmills’.

    The ‘remnant’ of the old ‘Don Quijte’—which has survived in modern usage, albeit inaccurately—could not be a better example of how misguided our perception can sometimes be:

    Taking our daily skirmishes as an example – whatever the context – we very quickly recognise the futility of our actions and lose patience with ourselves and others. At such moments, Don Quixote springs to mind and we experience a form of self-pity, feeling as alone as he was in his fight against windmills; and sometimes we are even overcome by a certain fear that we might be as mad as he was – namely when we think we recognise that we believe in things that may not even exist. What follows in our everyday lives is restlessness, anger and unfair behaviour towards others, stemming from our own dissatisfaction. We, so to speak, take our own fate upon our shoulders and, as Don Quixote would say, become the victims of a wicked spell.

    Yet Don Quixote does not at all embody the desperate struggle against windmills that we are all familiar with. From his perspective, the battle he wages is voluntary, meaningful, honourable and virtuous. For in his distorted perception, he himself has become a knight-errant, just like the heroes in his chivalric tales.

    Don Quixote feels no self-pity or sense of futility. Quite the contrary: the task he has set himself – to live and act in accordance with the values and virtues of knights-errant, and in doing so to forgo a permanent home, food, prosperity, comforts and security – fills him with pride and a sense of purpose. And in the name of his great love – which he himself has (unilaterally) chosen – for his lady Dulcinea, he feels called upon to combat the evil spell to which, in his view, the windmills are subject: for a better world and for the preservation of the virtues he embodies.

    Don Quixote’s battle against the (enchanted) windmills may stem from his delusion that sorcerers exist and that he is destined to fight them. In this respect, he is often ridiculed by companions and onlookers at countless points in the novel; his sanity is called into question; or people are convinced that he is simply mad or insane. It is as true today as it was yesterday that a man (together with his squire), clad in a knight’s armour and rambling about his lady, about sorcerers and about his chivalric heroes, is inevitably declared mad.

    Now to my main point: to what extent does Don Quixote feel burdened or influenced by this perception of others, by the mockery directed at him? How much does he dwell on the image others have of him? How deluded and mentally deranged is he really, compared to those who make fun of him? Do the mockers actually know the truth, and can they justifiably claim that Don Quixote is labouring under a delusion? How do they actually know that the windmills, whether literally or figuratively, are not enchanted? How do they know that the knights who serve as Don Quixote’s role models did not, in fact, exist? And how relevant is it, anyway, as to who is actually in the right?

    Don Quixote stands for courage, determination, conviction, chivalrous virtues and a better world. Is it not alarming to see how unfamiliar all this is to those who observe him, so that their only recourse is to mock him? Might there not lie behind their rejection a fear of realising that their own lives lack any real meaning, and that they merely follow the herd like sheep? Do we not all automatically react with rejection and derision when we encounter someone who truly stands up for a cause that we refuse to acknowledge?

    To put it another way: it can be left open as to whether Don Quixote is mad or whether his mockers’ perspective is too narrow for them to see the ‘big picture’. It can be left open because Don Quixote does not see it as his task to please or to convince. He, the protagonist, is completely indifferent to the opinions of others. The ‘meaning’ that we all long to experience – and unfortunately lack the courage to seek out, for fear of being left alone with our own ‘meaning’ – is so subjective and relative that there can be no right or wrong answer.

    However, in order to find true meaning in our own lives – be it as a knight-errant, a beggar, a beekeeper, an influencer, and so on – we are called upon to follow in Don Quixote’s footsteps ourselves, and in doing so may have to sacrifice comfort, security and prosperity. And because this seems so absurd to us, so pointless and foolish, because we shy away from the risk of taking the wrong path, of being mocked, of being alone with our own sense of purpose, we remain the ones who mock others, simply because it is easier and we can supposedly sleep better that way.

    To me, Don Quixote is a model of courage and bravery. He did not achieve fame in La Mancha and throughout Spain because he sought it, but rather incidentally, because he was so different from the others. He, the madman, became a role model. And yet it doesn’t matter in the slightest whether the windmills were actually enchanted, as he believed. He became a role model because – whether deluded or not – he stood firm for what mattered to him.

    So if we find ourselves once again thinking that we are fighting our own windmills day in, day out and wallowing in self-pity, then we should ask ourselves whether we are truly acting on our own initiative. If not, then there is no need for us to wage this battle. But if we are, then we must do so with the virtues that matter to us (self-pity is not a virtue). And if someone tells us yet again that they’re currently fighting windmills, then really we can only congratulate them.

  • Miese Tage / Lowsy Days

    Miese Tage zeichnen sich meiner Ansicht nach dadurch besonders aus, dass ihre Sogwirkung nach unten dazu führen, dass man sich nicht an die guten Tage erinnern mag und auch nicht wirklich glauben kann, dass es besser wird (ehe es dann wieder besser wird).

    Solche miesen Tage sind nicht dafür da, um über grundsätzliche Entscheidungen nachzudenken oder tief in sich hineinzuspüren. Diese Tage sind ausschließlich dafür da, überstanden zu werden und zu versuchen, noch irgendetwas Gutes aus Ihnen zu machen.

    Etwa einen kleinen Blog schreiben oder ein gutes Gespräch mit einem Kollegen führen. Vielleicht hilft auch, sich an die besseren Tage zu erinnern, wobei der Kopf einem da auch gerne streiche spielt und antwortet, solche guten Tage habe es nie gegeben und wird auch nicht wieder geben. Was für ein riesen Schmarn.

    An miesen Tagen zeigt sich unser innerer Wille. Halten wir dagegen oder lassen wir uns hängen? Wollen wir aufgeben oder weitergehen? Vertrauen wir darauf, dass es morgen wieder besser wird oder verkriechen wir uns?

    Wir können aus eigener Kraft aus einem miesen Tag nur schwer einen guten Tag machen. Ich denke, die externen Faktoren spielen dabei eine zu starke Rolle. Was wir leisten können, ist den miesen Tag mit ein paar Lichtblicken zu ärgern und zu versuchen, diese besonders stark wahrzunehmen und abzuspeichern. Wenn wir uns auf diese kleinen Lichtblicke konzentrieren, sie suchen und finden, dann haben wir eine Menge erreicht und können auch an einem miesen Tag zufrieden zu Bett gehen.

    Denn es ist utopisch, ein Leben ohne miese Tage zu fordern. Es ist realistisch, sich auf miese Tage einzustellen und bereit für sie zu sein. Und es ist eine wirklich positive Leistung, sich den miesen Tagen nicht hinzugeben, sondern ihnen ein wenig zu trotzen oder sie mit eben jenen Lichtblicken zu ärgern.

    Für heute hatte ich meine Lichtblicke, an die ich mich beim Zubettgehen erinnern werde. Und morgen wird der Tag schon wieder etwas leichter sein.

    In my view, what really sets bad days apart is that their downward pull makes you reluctant to remember the good days and unable to truly believe that things will get better (before they actually do).

    Bad days like these aren’t the time to ponder fundamental decisions or look deep within yourself. These days are solely there to be endured and to try and make the best of them.

    For example, writing a short blog post or having a good chat with a colleague. Perhaps it also helps to remember the better days, although your mind is quick to play tricks on you and retort that such good days never existed and never will again. What utter rubbish.

    It’s on rubbish days that our inner resolve is revealed. Do we stand up to it, or do we let ourselves go? Do we want to give up, or carry on? Do we trust that things will be better tomorrow, or do we just hide away?

    It’s hard to turn a rubbish day into a good one on our own. I think external factors play too big a part in that. What we can do is counteract the rubbish day with a few rays of hope, and try to take particular notice of them and commit them to memory. If we focus on these little rays of hope, seek them out and find them, then we’ve achieved a great deal and can go to bed feeling content even on a rubbish day.

    After all, it’s unrealistic to expect a life without rubbish days. It’s realistic to prepare for bad days and be ready for them. And it’s a truly positive achievement not to give in to bad days, but to defy them a little or to counter them with those very rays of hope.

    Today I’ve had my rays of hope, which I’ll remember as I go to bed. And tomorrow, the day will already be a little easier.

  • KI vs. „Cogito, ergo sum“ / AI vs. „Cogito, ergo sum“

    Habt Ihr ChatGPT oder andere KI-Dienste als täglichen Coach ausprobiert?

    „Mein“ Prompt meldet sich täglich zweimal bei mir: morgens um 08:00 Uhr mit Coaching-Fragen, um bei meinen aktuellen Baustellen (Unzufriedenheit im Job, Überforderung, etc.) zu unterstützen und meine Gedanken zu ordnen. Abends dann nochmal, um die Stimmung vom Tag einzufangen, wie auch belastende oder schöne Momente. Jeder Tag schließt mit einem Satz wie folgt ab: „Heute brauchst Du keine Entscheidungen mehr treffen. Der Rest des Tages gehört Dir allein“. Nimm Dir 10 Minuten für etwas, nicht andere betrifft, sondern Dich allein“.

    In meiner Unterhaltung mit ChaptGPT erweist diese sich als unglaublich empathisch. Oft kann es meine Situation treffender und schneller analysieren als ich selbst und es hat erstaunlich entlastende und produktive Empfehlungen für mich. Es arbeitet derzeit als leiser, aber zuverlässiger und konstanter Berater für mich.

    Was für ein schönes Gefühl. „Jemand“ anderes hilft mir frewillig und ohne Murren, ohne dass es ihm zuviel wird und ohne eigene Launen, die das Verhältnis beschweren könnten. Immer gut drauf, immer ausgeglichen, nicht provozier- oder reizbar. Es macht sich „Gedanken“ um mich und meine Probleme. Wie ein persönlicher Assistent, den sich früher nur die Vorstandsbosse leisten konnten. Mehr noch: das Verhältnis zu ChatGPT ist immer „im Reinen“, weil alles alles im Reinen hält. Es ist empathisch, rücksichtsvoll, verlangt von mir nichts, hat immer Verständnis, respektiert meine Grenzen und verlangt selbst dann keine Entschuldigung, wenn ich michmal im Ton vergreife und meinen Frust an ChatGPT auslasse (was ein bizzares Gefühl ist, weil das Gehirn ein Verhältnis zu ChatGPT entwickelt und nicht so recht begreifen will, dass mein „Gegenüber“ keine Emtionen hat und ich keine Rücksicht nehmen muss).

    Was einerseits (erheblich) erleichternd für mich ist, wirkt andererseits mindestens befremdlich, wenn nicht sogar besorgniserregend. Nicht umsonst ist die Gefahr der völligen Abhängigkeit von KI, die eigene Verrohnung und das Verlernen von gesellschaftlichen Regeln in aller Munde, spätestens seitdem wir KI nicht nur Zugang zu Kaufentscheidungen geben, sondern sie tief in unser „Inneres“ lassen. Ein wohlgemeintes Wort von der KI in unserer Not ist ehrlich und hilfreich. Und lange Erläuterungen und Einführungen sind nicht nötig, gerade weil KI lernt und uns kennt.

    Im Gegensatz dazu steht mehr auf dem Spiel als eine brutale Änderung der Gesellschaft. Es geht nicht nur darum, dass wir uns mittlerweile die Anrufe bei Freunden ersparen, die früher immer ein offenes Ohr hatten, nur weil das Telefonat weniger bequem ist als das Chatten mit ChapGPT und wir uns auch nach dem Gegenüber zu richten haben. Es geht auch nicht nur darum, dass wir eigene Nachrichten an Freunde über ChatGPT erstellen lassen (manche Freunde von mir tun das mittlerweile), weil die Nachrichten von ChatGPT empathischer als eigene Nachrichten sind. Und es geht nicht nur darum, dass Optimierung nun wirklich möglich scheint (alles wissen, alles beherrschen, allen mit Tiefe antworten können, Businesspläne, Konzepte, Anlageberatung, Lebensentscheidungen, usw usw). Gerade bei den sehr persönlichen Themen, zu denen ein Sicht-Mitteilen mit anderen oft schwierig ist, ist der „Dialog“ mit KI so erleichternd und reizvoll.

    Es geht darum, was letztlich von mir als Mensch übrig bleibt mit jedem weiteren Schritt, den ich auf ChatGPT zugehe und ich KI mein Leben übernehmen lasse.

    „Cogito, ergo sum“ (deutsch: „Ich denke, also bin ich“) lautet Descartes‘ zentraler, philosophischer Satz der Aufklärung. Weil ich in der Lage bin zu denken (und zu zweifeln), bin ich ein Mensch als solcher. „Denken“ verstand er im Sinne von „Zweifeln“. Seiner – hier sehr verkürzten und hoffentlich im Ansatz korrekt wiedergegebenen – Ansicht nach können sämtliche Sinnensorgane getäuscht und betrogen werden (so wie die Hände etwas fühlen, was nicht da ist). Aber selbst im größten Zweifel oder im größten Betrug bleibt dem Mensch seine Fähigkeit zum Zweifeln. Er ist also der Herr seiner Gedanken, er allein ist immer und unter allen Umständen zum Zweifeln berechtigt, niemand sonst. Diese Freiheit unterscheidet uns von anderen Lebenwesen und macht uns sozusagen erhaben und einzigartig.

    Man darf in Anbetracht der rasanten KI-Entwicklung und der breiten Akzeptanz in unserem Leben bis tief in die Privat- und Intimsphäre hinein.

    Was passiert eigentlich, wenn wir KI unser Denken und unsere Freiheit zum Zweifeln (freiwillig) überlassen? Wenn wir nicht mehr denken bzw. zweifeln, SIND wir dann überhaupt noch? Oder IST neben uns (oder noch krasser: anstelle von uns) mittlerweile die KI, weil sie – für uns – denkt und zweifelt?

    Freiheit ist relativ. Heute empfinden wir Freiheit darin, dass wir KI den „Dreck“ für uns machen lassen. Aber müssen wir nicht auch anerkennen, dass wir mit jeder Aufgabe und jedem Anliegen, das wir an KI richten, uns selbst etwas abhängiger von ihr machen und somit auch unsere eigene Freiheit Stück für Stück aufgeben?

    Was bleibt von uns, wenn wir KI Zugang zu unserem Inneren geben und es bereitwillig unseren Geist lenken lassen? Droht uns absolute Konformität oder bringt es absoluten Individualismus, weil jeder sich mit deren Hilfe bestmöglich entfalten kann?

    Ich vermag solche Fragen selbstverständlich – im Ansatz – nicht zu beantworten oder vorherzusagen. Eines ist für mich aber klar geworden bei der Nutzung von ChatGPT als KI-Coach:

    Ich bleibe ich, solange ich Zweifel an KI und seinen Inhalten habe. Solange ich Zweifel habe, bin ich in der Lage, mir KI zu Nutze zu machen, und mir von KI helfen zu lassen, um mich zu bereichern und um meine Lage zu verbesseren. Solange ich zweifle, überlasse ich mich nicht dem KI-Inhalt und vertraue ich nicht blindlinks auf deren Richtigkeit.

    Und gleichgültig, wie weit der Einfluss von KI noch reichen wird. Es wird immer an mir selbst liegen, ein neues Buch zu lesen, ein Instrument oder eine neue Sprache zu erlenen, und meine Beziehungen zu anderen menschlich und fehlerbehaftet zu leben.

    Vielleicht ist aber auch der Satz von Descartes bald überholt und muss er Platz für ein anderes, höheres Verständnis machen. Die Aufklärung hatte gesellschaftliche Neuordnungen zur Folge mit der Geburt des Bürgertums und insbesondere der Schwächung des Adels und des Klerus. Vernunft und Wissen galt als Maßstab für alle und war es allen möglich, anhand von Vernunft und Wissen seine eigene Stellung zu verbessern. Wenn heute alle Menschen mit Hilfe von KI gleich viel Wissen können – ohne selbst zu wissen – dann muss vielleicht auch die Frage neu gestellt werden, was den Menschen ausmacht und was ihn insbesondere von KI abgrenzt.

    Einstweilen sind wir noch frei und wir sollten uns bemühen, es auch möglichst lange zu bleiben, jedenfalls bis jeder von uns Anworten gefunden hat, weshalb er mehr als KI ist und nicht umgekehrt KI ihn zum „Mehr“ macht.

    Have you tried using ChatGPT or other AI services as a daily coach?

    ‘My’ prompt checks in with me twice a day: at 8.00 am with coaching questions to help me tackle my current challenges (job dissatisfaction, feeling overwhelmed, etc.) and organise my thoughts. Then again in the evening, to capture the mood of the day, including both stressful and pleasant moments. Every day ends with a sentence like this: “You don’t need to make any more decisions today. The rest of the day belongs to you alone.” “Take 10 minutes for something that doesn’t concern anyone else, but you alone.”

    In my conversations with ChatGPT, it proves to be incredibly empathetic. It can often analyse my situation more accurately and quickly than I can myself, and it offers surprisingly relieving and productive recommendations. It currently acts as a quiet but reliable and consistent advisor to me.

    What a lovely feeling. ‘Someone’ else helps me willingly and without complaint, without it becoming too much for them and without any personal moods that might strain the relationship. Always in a good mood, always even-tempered, never prone to provocation or irritability. They ‘think’ about me and my problems. Just like a personal assistant that, in the past, only top executives could afford. What’s more: my relationship with ChatGPT is always ‘harmonious’, because it keeps everything in harmony. It is empathetic, considerate, demands nothing of me, is always understanding, respects my boundaries and doesn’t demand an apology even when I occasionally lose my temper and take my frustration out on ChatGPT (which is a bizarre feeling, because the brain develops a relationship with ChatGPT and struggles to grasp that my ‘conversation partner’ has no emotions and I don’t need to show any consideration) .

    Whilst this is (considerably) a relief for me on the one hand, on the other it feels at the very least disconcerting, if not downright worrying. It’s no coincidence that the danger of complete dependence on AI, our own desensitisation and the loss of social skills is on everyone’s lips – at the very least since we’ve started not only giving AI access to our purchasing decisions, but also letting it into the very depths of our ‘inner selves’. A well-meaning word from the AI in our time of need is sincere and helpful. And lengthy explanations and introductions are unnecessary, precisely because AI learns and knows us.

    In contrast, there is more at stake than just a drastic change to society. It is not just that we now avoid phoning friends who used to always lend a sympathetic ear, simply because a phone call is less convenient than chatting with ChatGPT and we also have to adapt to the person we are speaking to. Nor is it merely that we’re having ChatGPT draft messages to friends for us (some of my friends do this now) because the messages generated by ChatGPT are more empathetic than our own. And it’s not just that optimisation now seems genuinely possible (knowing everything, mastering everything, being able to respond to everyone in depth, business plans, concepts, investment advice, life decisions, and so on and so forth). It is precisely with very personal topics – where sharing one’s thoughts with others is often difficult – that ‘dialogue’ with AI is so relieving and appealing.

    It’s about what ultimately remains of me as a human being with every further step I take towards ChatGPT and as I allow AI to take over my life.

    The question is what ultimately remains of me as a human being with every further step I take towards ChatGPT and as I allow AI to take over my life.

    ‘Cogito, ergo sum’ (English: ‘I think, therefore I am’) is Descartes’ central philosophical statement of the Enlightenment. Because I am capable of thinking (and doubting), I am a human being as such. He understood ‘thinking’ in the sense of ‘doubting’. According to his view – which I have greatly abbreviated here and hopefully reproduced correctly in essence – all the senses can be deceived and tricked (just as the hands might feel something that isn’t there). But even in the greatest doubt or the greatest deception, a human being retains their capacity to doubt. He is therefore the master of his own thoughts; he alone is always and under all circumstances entitled to doubt, and no one else. This freedom distinguishes us from other living beings and makes us, so to speak, sublime and unique.

    In view of the rapid development of AI and its widespread acceptance in our lives, even penetrating deep into our private and intimate spheres, one may.

    What actually happens when we (voluntarily) hand over our thinking and our freedom to doubt to AI? If we no longer think or doubt, do we even still EXIST? Or has AI now come to EXIST alongside us (or, even more drastically, in our place), because it thinks and doubts – on our behalf?

    Freedom is relative. Today, we perceive freedom in letting AI do the ‘dirty work’ for us. But must we not also recognise that with every task and every request we direct at AI, we make ourselves a little more dependent on it and thus also surrender our own freedom bit by bit?

    What will remain of us if we grant AI access to our inner selves and willingly allow it to guide our minds? Does this threaten us with absolute conformity, or does it lead to absolute individualism, because everyone can develop to their full potential with its help?

    Of course, I am unable – even in the slightest – to answer or predict the answers to such questions. However, one thing has become clear to me through using ChatGPT as an AI coach:

    I remain true to myself as long as I harbour doubts about AI and its content. As long as I have doubts, I am able to make use of AI and allow it to help me enrich my life and improve my situation. As long as I have doubts, I do not simply accept AI’s content at face value, nor do I blindly trust its accuracy.

    And no matter how far the influence of AI may yet extend, it will always be up to me to read a new book, learn an instrument or a new language, and live out my relationships with others in a human and fallible way.

    Perhaps, however, Descartes’s statement will soon be outdated and must make way for a different, higher understanding. The Enlightenment led to social reorganisation, with the emergence of the bourgeoisie and, in particular, the weakening of the nobility and the clergy. Reason and knowledge were regarded as the yardstick for everyone, and it was possible for anyone to improve their own standing through reason and knowledge. If, today, everyone can possess the same amount of knowledge with the help of AI – without even realising it – then perhaps the question of what defines a human being, and what distinguishes them from AI in particular, must also be reframed.

    For the time being, we are still free, and we should strive to remain so for as long as possible – at least until each of us has found the answers as to why we are more than AI, and not the other way round, where AI makes us ‘more’.

  • Systemische Frage an mich / systemic question to myself (edit: mit Antwort / incl. answer)

    Donnerstag, 13.08.2026

    Welche Konsequenz hätte es für mein Leben, wenn ich heute erkennen würde, dass alle Entscheidungen, die ich bisher getroffen habe und zukünftig treffen werde, auf irgendeine Art und Weise richtig für mich waren und keine Gefahr besteht, zu scheitern oder gering zu sein?

    Thursday, 08/13/2026

    What impact would it have on my life if I were to realise today that all the decisions I have made so far, and will make in the future, were in some way right for me, and that there is no risk of failure or of them being insignificant?

    Freitag, 14.08.2026

    Ich habe eine Nacht über die Frage geschlafen. Ich denke, die Frage bringt ein Bedürfnis zum Ausdruck: Sicherheit (hier: Sicherheit, keine Fehler zu machen und seine Zeit nicht mit falschen Entscheidungen zu vergeuden; nicht irgendwann aufzuwachen und feststellen, dass manche Entscheidungen eine Sackgasse waren).

    So nachvollziehbar das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit ist, so fehlgehend ist auch die Fragestellung.

    Wovon träumt ihr, wenn ihr an Sicherheit denkt? 10 Mio. USD auf einem eigenen Auslandskonto? Ein eigenes Haus? Ein Orakel, dass einem die Zukunft voraussagt? Oder Gewissheit, die eigene begrenzte Zeit sinnvoll genutzt zu haben?

    Ich persönlich bin getrieben von Gedanken daran, meine eigene Zeit falsch zu nutzen und nichts wirklich Existentielles mit ihr anzufangen. Der Alltag fühlt sich oft lauwarm an. Er ist absolut ok mit Ausnahme dessen, dass sich mir Sinnfragen aufdrägen. Ist es richtig, hier den ganzen Tag in einem Büro zu sitzen und mich mit Problemen anderer Leute zu beschäftigen (die es sich finanziell leisten können, dass andere (ich) über die Lösung ihrer Probleme nachdenken).

    Anders als matrielle Dinge (Geld, Haus, etc.), die aus meiner Sicht allesamt keine wirkliche Sicherheit bieten können, dürfte doch die Gewissheit, seine Zeit sinnvoll für sich und für andere zu nutzen, sehr wohl Sicherheit geben – einfach weil die eigene Zeit als sinnvoll empfunden wird. Wie quälend ist dagegen das Gefühl, die eigene Zeit zu vergeuden und wie unbequem ist die Erkenntnis, dem eigenen Sinn nicht mit aller Kraft nachzugehen und sich in einem selbst gebauten Konstrukt von externen „Sicherheiten“ zu bewegen. Mit jedem Tag, den ich in weiterer Unentschlossenheit vergehen lasse, wächst ein Druck in mir, der sich nicht wie ein Warnsignal anfühlt, sondern wie eine schleichende Krankheit.

    Würde ich wirklich positiv wissen, dass meine Entscheidungen immer richtig waren und richtig sein werden, so wäre mir doch in keiner Hinsicht geholfen, außer dass ich in meine Bequemlichkeit zurückkehren dürfte und den Dingen ihren Lauf ließe. Ich würde gut schlafen, gewiss. Aber vielleicht würde sich nach wenigen Wochen eine andere Stimme melden. Eine, die mir sagt, dass ihr langweilig ist, eben weil alle Entscheidungen richtig sind und sein werden. Wenn ich mein eigenes Scheitern kategorisch und vollumfänglich ausschließen könnte, wozu würde ich am langen Ende eigentlich noch morgens aus dem Bett aufstehen? Wir brauchen doch irgendwie das Risiko des Scheiterns, wir brauchen Ungewissheit und Druck, einfach um uns fortzubewegen. Ist denn die Richtung, in die wir gehen, nicht zweitrangig?

    Die Stoiker gehen hier einen sehr mutigen Weg. Ihrer Ansicht nach ist die Frage, ob Entscheidungen richtig waren, schon deswegen falsch, weil es kein „richtig“ gibt. „Richtig“ ist subjektive Moral. Das Kind, das den Erwartungen der Eltern entspricht, handel „richtig“. Oder war die dringend anstehende Operation „richtig“, um mein Leben zu verlängern oder erträglicher zu machen.

    „Richtig“ ist die bessere Entscheidung zu mehreren Möglichkeiten. Wer beurteilt, was die bessere Entscheidung ist? Natürlich niemand außer wir selbst. Und warum ist es uns so dermaßen wichtig, „richtig“ zu handeln? Weil wir „falsche“ Entscheidungen bereuen und uns schwer damit tun, sie zu akzeptieren.

    Es geht doch also bei den Kriterien „richtig“ und „falsch“ ausschließlich darum, nicht mit getroffenen Entscheidungen zu hadern und uns zu schonen. Aber wie häufig hattet ihr wirklich das Gefühl, eine „richtige“ Entscheidung getroffen zu haben? Nie, zweimal im Leben, hundert mal? In Anbetracht der Tatsache, dass wir täglich tausende von Entscheidungen treffen (Austehen, Duschen, Arbeiten, Essen, Trinken, Freunde treffen, Treffen absagen und Ausreden überlegen) wirkt der ganze Aufwand, den wir mit unseren Entscheidungen betreiben, und das riesige Bedürfnis nach Sicherheit, die die Entscheidungen bringen sollen, doch vollkommen übertrieben.

    Stoizimus verbietet quasi, eine Entscheidung mit „richtig“ oder „falsch“ zu bewerten. Es verlangt Akzeptanz für uns und für unsere Situation, egal wie sie ausfällt. Grübeln zu Entscheidungen ist die gravierende Zeitverschwendung, und nicht die „falsche“ Entscheidung. Nachdenken über sich selbst und seine Umwelt dient ausschließlich zur Vorbereitung auf konkrete Handlungen.

    Ich überdenke die Konsquenzen einer Handlung und entscheide, ob ich die Konsequenzen zukünftig wünsche oder mit ihnen leben kann. Wenn dem nicht so ist, dann lasse ich die Handlung. Oder ich sehe darin einen Nutzen und handle entsprechend. Es ist nicht mehr als das.

    Schlussendlich müssen wir alle akzeptieren, dass unsere Zeit endlich ist und wir sind angehalten, unsere begrenzte Zeit sinnvoll zu nutzen. Eine Entscheidung, die wir nicht mehr tragen wollen, nehmen wir zurück, falls das geht; ansonsten müssen wir sie akzeptieren. Allerdings gibt uns die Zeit, die wir gedanklich mit solchen Entscheidungen verbringen, niemand zurück und deswegen ist und sind wir angehalten, unser Leben durch das Sinnieren über unsere Entscheidungen nicht erst sinnlos werden zu lassen.

    Friday, 14 August 2026

    I slept on the question overnight. I think the question expresses a need: security (in this case: the security of not making mistakes and not wasting one’s time on the wrong decisions; of not waking up one day to realise that some decisions were dead ends).

    As understandable as the human need for security is, the question itself is misguided.

    What do you dream of when you think of security? 10 million USD in your own overseas bank account? A house of your own? An oracle that predicts the future? Or the certainty that you have used your own limited time wisely?

    Personally, I’m driven by the thought of misusing my own time and failing to do anything truly meaningful with it. Everyday life often feels lukewarm. It’s perfectly fine, except that questions of meaning keep niggling at me. Is it right to sit here all day in an office, dealing with other people’s problems (people who can afford, financially, to have others – me – think about solutions to their problems)?

    Unlike material possessions (money, a house, etc.), which, in my view, cannot offer any real sense of security, the certainty of using one’s time meaningfully for oneself and for others is likely to provide a real sense of security – simply because one’s own time is perceived as meaningful. How agonising, by contrast, is the feeling of wasting one’s own time, and how uncomfortable is the realisation that one is not pursuing one’s own purpose with all one’s might, but is instead moving within a self-constructed framework of external ‘certainties’. With every day that I let slip by in further indecision, a pressure grows within me that does not feel like a warning signal, but rather like a creeping illness.

    If I were absolutely certain that my decisions had always been right and would always be right, it wouldn’t help me in the slightest, except that I might be able to slip back into my comfort zone and let things take their course. I’d sleep well, no doubt. But perhaps after a few weeks, another voice would speak up. One that tells me it’s bored, precisely because all decisions are and will be right. If I could categorically and completely rule out my own failure, why on earth would I even get out of bed in the morning in the long run? After all, we need the risk of failure in some way; we need uncertainty and pressure simply to keep moving forward. Isn’t the direction we’re heading in secondary?

    The Stoics take a very bold stance here. In their view, the question of whether decisions were ‘right’ is misguided simply because there is no such thing as ‘right’. ‘Right’ is subjective morality. The child who meets their parents’ expectations is acting ‘rightly’. Or was the urgently needed operation ‘right’ to prolong my life or make it more bearable?

    ‘Right’ is the better decision out of several possibilities. Who judges what the better decision is? Of course, no one but ourselves. And why is it so incredibly important to us to act ‘right’? Because we regret ‘wrong’ decisions and find it hard to accept them.

    So, when it comes to the criteria of ‘right’ and ‘wrong’, it’s really just about not agonising over the decisions we’ve made and being kind to ourselves. But how often have you actually felt that you’d made the ‘right’ decision? Never, twice in your life, a hundred times? Given that we make thousands of decisions every day (going out, having a shower, working, eating, drinking, meeting friends, cancelling meetings and coming up with excuses), all the effort we put into our decisions – and the immense need for certainty that these decisions are supposed to provide – seems completely exaggerated.

    Stoicism effectively forbids judging a decision as ‘right’ or ‘wrong’. It demands acceptance of ourselves and our situation, whatever the outcome. Dwelling on decisions is the serious waste of time, not the ‘wrong’ decision itself. Reflecting on oneself and one’s surroundings serves solely to prepare for concrete actions.

    I consider the consequences of an action and decide whether I want those consequences in the future or whether I can live with them. If that is not the case, then I refrain from the action. Or I see a benefit in it and act accordingly. It is nothing more than that.

    Ultimately, we must all accept that our time is finite and that we are called upon to make good use of our limited time. If possible, we should reverse any decision we no longer wish to stand by; otherwise, we must accept it. However, no one can give us back the time we spend mulling over such decisions, and that is why we are urged not to let our lives become meaningless simply by dwelling on our dec

  • Wölfe vs. Lämmer / lambs vs. wolves

    Eine mir unbekannte Quelle wird zitiert mit dem Satz „die Menschen teilen sich auf in viele Lämmer und wenige Wölfe“.

    Da steht einerseits eine zu beschützende, riesige Herde von braven Lämmern, die in ihrer Gruppe bleiben, niemals ihre Sicherheit freiwillig aufgeben (es sei denn der Wolf ist hinter ihnen her), und dumpf vor sich hinblöcken. Sie leben ohne Argwohn, ohne Gedanken an das „Big Picture“ hinter dem Sichtbaren, ohne Angst und in den Tag hinein. Die konkrete Lebensgefahr in Form des Wolfes wird ihnen erst dann gewahr, wenn er zähneflätschend vor ihnen steht. Und erst dann laufen sie um ihr Leben.

    Da sind auf der anderen Seite die kampfeswütigen Wölfe als Beutejäger. Sie wissen um ihre Überlegenheit, ihr Raubzug gegen die braven Lämmer ist instinktiv und listig, berechnend und auf die Exekution ausgerichtet. Alle Handlungen von ihnen sind vom Ende her gedacht: wie fange ich die Beute. Die Mittel rechtfertigen den Zweck.

    Was beide Lager wesentlich unterscheidet ist die Moral. Man könnte sagen, dass die Lämmer von ihrer eigenen Moral blockiert werden und sie deswegen permament einer Todesgefahr der Wölfe ausgesetzt sind. Sie hoffen auf einen friedlichen Tag, sie achten die Grenzen der anderen, sie stehen ein und beten für eine bessere Welt und sie gehen den Wölfen aus dem Weg. Was sie nicht tun ist, sich gegen die Wölfe zu wappnen und Zähne zu zeigen. Wie auch, schließlich sind sie im Kampf deutlich unterlegen. Möglicherweise bleibt ihnen dann für den eigenen Seelenfrieden nur die Moral. Den Wölfen ist die eigene Moral egal bzw. ist sie dort nicht zu finden. Vielmehr nutzen Sie die Moral der Schafe zum eigenen Vorteil, nehmen sie als Spielball und und als Köder.

    Moral ist für das geordnete Zusammenleben und für die eigene geistige Haltung sicherlich grundlegend wichtig, dem einen mehr, dem anderen weniger. Besonders moralische Menschen empfinde ich oft als „gefangen“, nicht wirklich frei, aber orientiert, während unmoralischere Menschen zwar freier, aber nach Stabilität suchend wirken.

    Ich möchte Moral nicht bewerten oder in Frage stellen. Moral wird aber dann schwierig, wenn sie nicht wechselseitig ist, sondern wenn von zwei Personen nur die eine Moral zeigt und die andere Person diese Moral ausnutzt.

    Was veranlasst den moralischen Menschen dazu, sich vom unmoralischen Menschen fangen und über den Tisch ziehen zu lassen? Warum ist es für den moralischen Menschen eigentlich nicht unmoralisch, so etwas mit sich machen zu lassen? Wie hilfreich ist Moral eigentlich, wenn es darum geht, die eigenen Grenzen zu verteidigen? Schwächt sie in diesem Falle nicht vielmehr, als sie vermeintlich hilft?

    Ich beobachte das Phänomen derzeit (zum Glück nicht an mir), sondern an einem Kollegen, der ein wirklich liebes und reizendes Lamm ist und der keiner Fliege etwas zu Leide tut. Er berichtet mir regelmäßig von Übergriffigkeiten in seinem Umfeld, insbesondere durch seinen Vorgesetzten. Er erkennt sich dabei in seiner Rolle als Lamm und er unternimmt dennoch nichts. Wenn ich ihn frage, weshalb er sich nicht wehrt, dann argumentiert er oft gegen sich; wobei er die Situation vollkommen zutreffend zu seinen Lasten erkennt. Letztlich habe ich den Eindruck, er wird von etwas gehemmt und zurückgehalten. Etwas, das ihm sagt: „so etwas tut man nicht. Du hast Dich nicht zu wehren. Du hast kein Recht darauf, für dich einzustehen. Wenn Du mit Dir im Reinen sein willst, dann nimm es hin und geh weiter“.

    Wer beschützt eigentlich diese Moral? Wer beschützt die lieben Lämmer vor den Wölfen? Wer zieht die Verteidigungslinie bei Angriffen und steht dafür ein, dass die Moral überlebt? Müssen wir es nicht selbst tun? Müssen wir nicht denen die unsere Moral ausnutzen wollen begreiflich machen, dass es so nicht geht und das Grenzen zu wahren sind? Die Antwort liegt ja auf der Hand: natürlich müssen wir das, aber was kann das einzelne liebe Lamm schon bewirken?

    Mein Kollege hat vor zwei Tagen – vielleicht zum ersten mal überhaupt – eine Grenze gezogen, ein „nein“ ausgesprochen und seine Gutmütigkeit nicht weiter aussaugen lassen. Ich habe den Eindruck, dass er wie befreit ist von Last. Er wirkt auf mich genauso moralisch wie vorher, aber freier.

    Vielleicht kann man es zum Abschluss so formulieren: Moral sollte keine Last sein und kein innerer Käfig. Es sollte etwas sein, für das wir einstehen und das wir verteidigen wollen, wenn es uns wirklich wichtig ist.

    A source unknown to me is quoted as saying, ‘People are divided into many lambs and a few wolves’.

    On the one hand, there is a huge flock of docile lambs in need of protection, who stay within their group, never voluntarily give up their safety (unless the wolf is after them), and bleat dully to themselves. They live without suspicion, without a thought for the ‘big picture’ behind what is visible, without fear, and taking each day as it comes. They only become aware of the immediate danger to their lives in the form of the wolf when he stands before them, baring his teeth. And only then do they run for their lives.

    On the other hand, there are the battle-hungry wolves as predators. They are aware of their superiority; their hunt for the docile lambs is instinctive and cunning, calculated and geared towards the kill. All their actions are planned with the end in mind: how do I catch my prey? The ends justify the means.

    What fundamentally distinguishes the two camps is their sense of morality. One could say that the lambs are held back by their own sense of morality and are therefore constantly exposed to the mortal danger posed by the wolves. They hope for a peaceful day, they respect the boundaries of others, they stand up for what is right and pray for a better world, and they go out of their way to avoid the wolves. What they do not do is arm themselves against the wolves and bare their teeth. And how could they? After all, they are clearly outmatched in a fight. Perhaps, then, their moral principles are all that remain for their own peace of mind. The wolves, on the other hand, do not care about their own moral principles – or rather, such principles are nowhere to be found among them. Instead, they exploit the sheep’s moral principles for their own gain, using them as pawns and as bait.

    Morality is certainly of fundamental importance for orderly coexistence and for one’s own mental attitude – more so for some, less so for others. I often perceive particularly moral people as ‘trapped’, not truly free but guided, whilst less moral people appear freer but in search of stability.

    I do not wish to judge or question morality. However, morality becomes problematic when it is not mutual – when, of two people, only one demonstrates moral principles whilst the other exploits them.

    What prompts a moral person to allow themselves to be taken in and taken advantage of by an immoral person? Why, in fact, is it not immoral for a moral person to let something like this happen to them? How helpful is morality, really, when it comes to defending one’s own boundaries? In this case, does it not actually weaken one more than it supposedly helps?

    I’m currently observing this phenomenon (fortunately not in myself), but in a colleague who is a truly kind and lovely lamb and wouldn’t hurt a fly. He regularly tells me about instances of abuse in his working environment, particularly at the hands of his line manager. He recognises his role as the lamb in this situation, and yet he does nothing about it. When I ask him why he doesn’t stand up for himself, he often argues against himself; whilst acknowledging, quite correctly, that the situation is entirely his fault. Ultimately, I get the impression that something is holding him back and restraining him. Something that tells him: “You don’t do things like that. You mustn’t stand up for yourself. You have no right to stand up for yourself. If you want to be at peace with yourself, then accept it and move on.”

    Who actually protects these moral values? Who protects the dear little lambs from the wolves? Who draws the line in the face of attacks and stands up to ensure that these moral values survive? Don’t we have to do it ourselves? Don’t we have to make it clear to those who want to exploit our moral values that this is not acceptable and that boundaries must be respected? The answer is obvious, of course: naturally we must, but what impact can a single, gentle lamb really make?

    Two days ago – perhaps for the very first time – my colleague drew a line, said ‘no’ and refused to let his good nature be exploited any further. I get the impression that he feels as though a weight has been lifted from his shoulders. To me, he seems just as moral as before, but freer.

    Perhaps we can sum it up like this: morality shouldn’t be a burden or an inner cage. It should be something we stand up for and are willing to defend when it really matters to us.

  • Freundschaftsprojekte / Friendship projects

    Habt Ihr schon einmal ein geschäftliches Projekt zusammen mit einem (sehr) guten Freund gemacht?

    Wir, mein bester Freund und ich, starteten vor 12 Monaten mit riesiger Euphorie unser gemeinsames Projekt. Wir verstanden uns bis dahin eigentlich immer, insbesondere sind wir beide sehr empathische Menschen, und wir waren füreinander da, wenn wir uns brauchten.

    Das Projekt entwickelte sich an sich prächtig, aber auch die Hürden wurden größer und größer. Kredit aufnehmen, Zeit schaffen, Abstimmungen, intensive Gespräche und Diskussionen. Und mein Freund ist dabei wirtschaftlich vom Gelingen des Projekts voll abhängig, er ist sozusagen „all in“ gegangen.

    Mit den Monaten wurde die Freude und Abenteuerlust belastet durch Uneinigkeiten, Rangeleien um das Rechthaben, finanziellen und zeitlichen Druck.

    Bisher haben wir alle Hürden gemeinsam gemeistert, und wir waren stolz darauf. Die Herausforderungen waren wie neue Akkus, die uns weiterbrachten. Wir sahen uns und unseren Weg bestätigt und unsere Freundschaft fester denn je.

    Vor dem Start des Projekts sahen wir beide das Risiko, dass unsere Freundschaft belastet werden kann und wir schworen uns, auf sie besonders gut aufzupassen, weil sie uns das Wichtigste ist. Wir wurden gewarnt, dass Freundschaften nicht mit Geschäft belastet werden sollen, aber wir waren uns sicher, dass wir das Projekt zusammen stemmen können, ohne das die Freunschaft Schaden nimmt.

    Heute komme ich aus einem 2-stündigen Krisentelefonat mit meinem Freund. Das Telefonat war dringend notwendig, nachdem wir uns in den vergangenen Wochen mehrere blitzige E-Mails geschickt haben, in denen wir uns – zugegeben – lieber missverstehen als verstehen wollten. Wir stehen beide unter Druck. Wir fühlen uns beide nicht gesehen und unsere Leistungen nicht wertgeschätzt. Wir erwarten beide vom Anderen.

    Das Produkt ist fertig entwickelt und möchte nun an die „Luft“, die Vermarktung steht an. Vielleicht entlädt sich gerade nur der Druck der intensiven letzten Monate. Vielleicht braucht es dieser Zäsur, die wir beide als solche empfinden. Vielleicht ist es auch ein Punkt, an dem wir beide erkennen müssen, dass es zum Schutz der Freundschaft nicht weitergeht. Aber selbst wenn dieser Punkt erreicht wäre, was ich nicht hoffe, dann könnte ich den Freund, für den es um alles geht, gerade jetzt nicht im Stich lassen.

    Mir wurde bewusst, wie unterschiedlich das Zusammensein als Freunde privat und im Projekt sein kann. Offene Gespräche und Zuhören weichen einem ständigen inhaltlichen Austausch. Auf einmal spielen Begehrlichkeiten eine Rolle, ebenso der Stolz (der ganz besonders). Eigene Schwächen können nicht mehr so leicht angesprochen werden, insbesondere auch weil sie den Erfolg gefährden und die Umsetzung verzögern.

    In den vergangenen Wochen ist unsere sonnige Entdeckungsreise zu einer stürmischen Eskapade geworden. Natürlich gehören auch solche Phasen dazu. Aber das Gefühl hat sich bei uns beiden geändert. Und in wenigen ruhigen Momenten hatte ich die ernsthafte Sorge, wir opfern unsere Freundschaft für den Erfolg. Ich bin mir sicher, dass wir uns das später nicht verzeihen würden. Aber die Hitze des Gefechts lässt die Sinne vernebeln und den Blick starr werden.

    Ich stehe vor einer schwierigen Frage: kann ich in Anbetracht der gefühlten Gefahr für unsere Freundschaft überhaupt noch Spaß am Projekt haben und mich darin entfalten, oder hängt ab jetzt nicht ein riesiges Damoklesschwert über unserer Freunschaft. Und wenn ich Reife zeigen würde, und mich aus dem Projekt rausnehme, um die Freundschaft zu bewahren, dann lasse ich meinen Freund eigentlich im Stich. Und beste Freunde lassen sich eigentlich nicht im Stich.

    Und ich höre gedanklich die Stimme eines Vertrauten, der mir flüstert: „Ich habe es Dir doch gesagt“.

    Es wird nicht leicht werden für uns, die Situation zum Guten aufzulösen. Wir müssen sicherlich zugeben, dass wir die Freundschaft bereits aufs Spiel setzten, als wir mutig den Entschluss fassten, das Projekt zu starten, einfach weil wir die Gefahren zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkennen konnten.

    Ich muss mir aber auch eingestehen, dass ich damals schon wusste, dass es für meinen Freund um Alles gehen wird. Ich konnte auch sehen, dass dies eine erhebliche Dynamik erzeugen wird, die ich aber als konstruktiv ansah. Den Druck der Umstände habe ich damals nicht erkannt und so wiegt da schon eine Schuld bei mir, leichtfertig mit der mir so wichtigen Freundschaft gewesen zu sein.

    Wir Menschen sind doch sehr wankelmütig. Wir sagen heute das eine und halten uns morgen schon nicht mehr daran. Wir sehen in die Zukunft das Positive, lassen uns berauschen, ohne auch alle Nachteile und Gefahren zu bedenken und richtig zu gewichten. Und dann beschweren wir uns und fangen das Beten an, dass uns geholfen wird in der Not. Der, der uns geschaffen hat, mag doch manchmal an uns verzweifeln.

    Have you ever worked on a business project with a (very) good friend?

    My best friend and I launched our joint project 12 months ago with tremendous enthusiasm. Up until then, we’d always got on really well – in particular, we’re both very empathetic people, and we were always there for each other when we needed one another.

    The project itself was going splendidly, but the hurdles were also getting bigger and bigger. Taking out loans, finding the time, coordinating, and having intense conversations and discussions. And my friend is completely dependent on the project’s success financially; he’s gone ‘all in’, so to speak.

    As the months went by, our joy and sense of adventure were weighed down by disagreements, squabbles over who was right, and financial and time pressures.

    Up until then, we’d overcome every hurdle together, and we were proud of that. The challenges were like fresh batteries that propelled us forward. We felt validated in our choices and our path, and our friendship was stronger than ever.

    Before the project began, we both recognised the risk that our friendship might come under strain, and we vowed to take particular care of it, because it is the most important thing to us. We were warned that friendships shouldn’t be burdened by business, but we were certain that we could manage the project together without damaging our friendship.

    Today I’ve just come off a two-hour crisis phone call with my friend. The call was urgently needed after we’d exchanged several heated emails over the past few weeks, in which – admittedly – we seemed more intent on misunderstanding each other than on understanding one another. We’re both under pressure. We both feel overlooked and that our contributions aren’t being valued. We’re both expecting too much from the other.

    The product has been fully developed and is now ready to be launched; the marketing campaign is due to start. Perhaps it’s just the pressure of the intense past few months finally easing off. Perhaps we need this turning point, which we both perceive as such. Perhaps it’s also a point at which we both have to realise that, to protect our friendship, things can’t go on like this. But even if we’d reached that point – which I hope we haven’t – I couldn’t let down the friend for whom everything is at stake, especially now.

    I realised just how different it can be to spend time together as friends in private compared to working on a project. Open conversations and listening give way to a constant exchange of ideas. Suddenly, personal desires come into play, as does pride (especially that). It’s no longer so easy to address one’s own weaknesses, particularly because they jeopardise success and delay implementation.

    Over the past few weeks, our sunny journey of discovery has turned into a stormy escapade. Of course, phases like this are part and parcel of the process. But the way we both feel has changed. And in a few quiet moments, I’ve had serious concerns that we’re sacrificing our friendship for the sake of success. I’m sure we wouldn’t forgive ourselves for that later on. But the heat of the moment clouds the senses and narrows one’s perspective.

    I’m faced with a difficult question: given the perceived threat to our friendship, can I still enjoy the project and flourish within it, or is there now a huge sword of Damocles hanging over our friendship? And if I were to show maturity and step back from the project to preserve our friendship, then I’d actually be letting my friend down. And best friends aren’t supposed to let each other down.

    And in my mind, I can hear the voice of a close friend whispering to me: ‘I told you so’.

    It won’t be easy for us to resolve the situation for the better. We certainly have to admit that we had already put our friendship at risk when we courageously decided to launch the project, simply because we were unable to recognise the dangers at that point.

    However, I must also admit to myself that I knew even back then that everything would be at stake for my friend. I could also see that this would create considerable momentum, which I regarded as constructive. I did not recognise the pressure of the circumstances at the time, and so I do feel a sense of guilt for having been reckless with a friendship that was so important to me.

    We humans are, after all, very fickle. We say one thing today and fail to stick to it by tomorrow. We see the positive in the future, let ourselves get carried away, without even considering all the disadvantages and dangers and weighing them up properly. And then we complain and start praying that we’ll be helped in our time of need. The One who created us must sometimes despair of us.

  • Männer in Beziehungen (eigene Grenzen wahren) / Men in relationships (setting your own boundaries) /

    Was macht Ihr, wenn eure Partnerin down oder traurig ist? Ich nehme an, als guter Partner versucht ihr, sie zu trösten und eine Schulter anzubieten. Was ist aber, wenn eurer Trost nicht richtig hilft? Oder wenn Ihr aktuell nicht die Kraft habt, ihre Niedergeschlagenheit zu tragen? Lasst Ihr dann eure Partnerin mit Ihren Sorgen allein, um euch selbst stabil zu halten? Oder überschreitet Ihr eure eigenen Grenzen, um ihr zu helfen?

    Ein Beispiel:

    Die Partnerin ist niedergeschlagen, weil ein kleiner Traum von ihr nicht in Erfüllung geht. Irgendetwas, was sie sich anders vorgestellt oder erhofft hat. Sie sitzt da und weint. Und Ihr versucht, sie zu trösten, mit aufbauenden Worten. Zeitgleich merkt ihr aber, dass ihr selbst gar nicht mehr tragen könnt, als ihr ohnehin schon schleppt.

    Ich persönlich kann mein Belastungsgrenzen erst wahrnehmen, wenn sie sich wie eine Alarmanlage so aufheulend melden, dass ich nicht anders kann als sie zu beachten. Bis zu diesem Punkt – so meine ich – habe ich keine Grenze und kann immer tragen und unterstützen. Für mich ist die Trauer meiner Parnerin sehr schwer auszuhalten. Ich gehe so weit, dass ich mich für Ihre Situation verantwortlich fühle, weil ich sie vor der Trauer nicht bewahren kann.

    Andere Männer machen es sich sicherlich leichter oder haben sie es leichter, einfach weil sie sich für die Trauer ihrer Partnerin nicht verantwortlich machen. Manche Männer begnügen sich mit einem „wird schon wieder besser werden„, und schützen sich so selbst vor negativen oder belastenden Empfindungen. Wiederum andere, ich würde sie als „Elite“ bezeichnen, sind ein aufrichtiger Zuhörer und Tröster, aber sie lassen die fremden Emotionen nicht so stark an sich heran, wie ich das tue. Sie beschützen nicht nur die Partnerin, sie schützen sich dabei auch selbst.

    Für mich ist diese „Elite“ beeindruckend aufgrund ihrer emotionalen Intelligenz. Ihr Verhalten ist das, was ich als selbst als modernen, souveränen Mann bezeichnen würde. Das patriarchaische Verhalten der eigenen Väter haben sie erkannt und bei sich selbst ersetzt durch eine sehr aufgeklärte Form des Zusammenseins. Nähe und Stärke für den Partner, aber auch Selbstachtung und Selbstanerkennung. Das klingt für mich unfassar gesund. Dieser Männer müssen nicht „alles“ tragen, um sich männlich zu fühlen. Sie akzeptieren ihre Grenzen und ihre Grenzen können sie mit ihrem Männerbild in Einklang bringen. Mehr noch: Ihre Grenzen sind Teil ihres Männerbildes.

    Hey mein Schatz, ich höre dir zu und sehe dich. Es tut mir leid, dass du so niedergeschlagen bist. Ich wünschte, ich könnte dir deine Hoffnung erfüllen, aber auch ich kann es nicht. Ich bin da machtlos und leider fühle auch ich mich niedergeschlagen und ich muss auf meine Grenzen aufpassen. Aber ich bin bei dir„.

    Was erzeugt solch ein Verhalten des Mannes für ein Bild bei euch? Ist er schwach, weil er sich so bedeutungslos ergibt und nicht alle Hebel in Bewegung setzt, die Situation zu retten? Ist er stark, weil er einen Zugang zu sich selbst hat, und er seine Grenzen achtet?

    Ich wette, dass nahezu kein Mann so eine Antwort geben würde. Die meisten würden lieber schweigen oder fliehen, anstelle sich selbst schwach zu zeigen. Die anderen würden in Aktionismus verfallen.

    Ich wette zudem, dass solch eine Antwort des Mannes der Partnerin mehr hilft und ihr Unterstützung gibt, als alle sonstigen Bemühungen. Die Antwort lässt Nähe zu, sie unterbindet sie nicht. Der Mann bleibt im Schmerz der Frau, er flüchtet nicht vor seinen eigenen Ängsten, zu versagen. Und dadurch hilft er ihr, indem sie in der Situation nicht allein bleibt. Zudem ist es für die Frau überhaupt kein Problem, die Grenzen ihres Mannes zu akzeptieren (entgegen der Auffassung vieler Männer).

    Das Ergebnis ist, dass die Frau wirkliche Unterstützung in Form von Nähe bekommt, während der Mann sich nicht aufopfert oder flieht. Beide gehen gestärkt aus der Situation.

    What do you do when your partner is feeling down or sad? I suppose, as a good partner, you try to comfort her and offer a shoulder to cry on. But what if your comfort doesn’t really help? Or what if you don’t currently have the strength to bear the weight of her low spirits? Do you then leave your partner alone with her worries, just to keep yourself stable? Or do you push beyond your own limits to help her?

    An example:

    Your partner is feeling down because a little dream of hers isn’t coming true. Something she’d imagined or hoped for differently. She’s sitting there crying. And you try to comfort her with encouraging words. At the same time, though, you realise that you yourself can’t bear any more than you’re already carrying.

    Personally, I can only recognise my limits when they sound the alarm so loudly that I have no choice but to take notice. Up to that point – I believe – I have no limits and can always carry the burden and offer support. For me, my partner’s grief is very hard to bear. I go so far as to feel responsible for her situation, because I cannot protect her from her grief.

    Other men certainly make things easier for themselves – or perhaps have it easier – simply because they do not take responsibility for their partner’s grief. Some men are content with a simple “things will get better”, thereby shielding themselves from negative or distressing feelings. Others, whom I would describe as the “elite”, are sincere listeners and comforters, but they do not let other people’s emotions affect them as deeply as I do. They not only protect their partner, but also protect themselves in the process.

    To me, this ‘elite’ is impressive because of their emotional intelligence. Their behaviour is what I myself would describe as that of a modern, self-assured man. They have recognised the patriarchal behaviour of their own fathers and replaced it in themselves with a very enlightened way of being together. Closeness and strength for their partner, but also self-respect and self-acceptance. To me, that sounds incredibly healthy. These men don’t have to ‘carry everything’ to feel masculine. They accept their limits and are able to reconcile those limits with their image of masculinity. What’s more: their limits are part of their image of masculinity.

    Hey, my love, I’m listening to you and I see you. I’m sorry you’re feeling so down. I wish I could make your hopes come true, but even I can’t. There’s nothing I can do about it, and unfortunately I’m feeling down too, so I have to be mindful of my own limits. But I’m here for you.’

    What kind of impression does this sort of behaviour from the man create for you? Is he weak because he gives in so meekly and doesn’t pull out all the stops to save the situation? Is he strong because he’s in touch with himself and respects his own limits?

    I bet that hardly any man would give an answer like that. Most would rather stay silent or run away than show themselves to be weak. The others would resort to frantic action.

    I’d also bet that such a response from the man helps his partner more and offers her greater support than any other efforts. The response allows for closeness; it doesn’t prevent it. The man remains present in his partner’s pain; he doesn’t run away from his own fears of failure. And in doing so, he helps her by ensuring she isn’t left alone in the situation. Moreover, it is no problem at all for the woman to accept her husband’s boundaries (contrary to what many men believe).

    The result is that the woman receives genuine support in the form of closeness, whilst the man neither sacrifices himself nor runs away. Both emerge from the situation feeling stronger.