Die Meisten erwähnen Cervantes‘ „Don Quijote“ immer dann, wenn sie den Eindruck haben, gegen Windmühlen zu kämpfen; sprich: sich vergeblich aufzureiben und nicht weiterzukommen, sich rumzuplagen in irgendwelchen Scheingefechten.
Im Deutschen existiert für dieses sinnlose Sich-Rumplagen tatsächlich die Redewendung, „gegen Windmühlen zu kämpfen“.
Der im heutigen Sprachgebrauch verbliebene und dann auch unzutreffende „Restbestand“ vom alten Don Quijte könnte kein besseres Beispiel dafür sein, wie fehlgehend manchmal unsere Wahrnehmung ist:
Am Beispiel unserer täglichen Scheingefechte, gleichgültig in welchem Bereich, erkennen wir sehr schnell eine Sinnlosigkeit in unserem Handeln und verlieren die Geduld mit uns und den anderen. In solchen Momenten kommt uns Don Quijote in den Sinn und wir erleben eine Form des Selbstmitleids, so allein wie er gegen Windmühlen zu kämpfen und manchmal überkommt uns sogar eine gewisse Angst, vielleicht auch so verrückt zu sein wie er; nämlich wenn wir meinen zu erkennen, dass wir an Dinge glauben, die möglicherweise gar nicht existieren. Was dann bei uns im Alltag folgt ist Ruhelosigkeit, Ärger, ungerechtes Verhalten gegenüber anderen aus eigener Unzufriedenheit. Wir laden uns sozusagen unser eigenes Schicksal auf den Rücken und werden, so würde es Don Quijote sagen, mit einem bösen Zauber belegt.
Dabei spiegelt Don Quijote gar nicht den verzweifelten Kampf gegen Windmühlen wider, den wir alle kennen. Aus seiner Sicht ist der von ihm geführte Kampf freiwillig, sinnvoll, ehren- und tugendhaft. Denn in seiner verquerten Wahrnehmung ist er selbst zum fahrenden Ritter geworden, wie die Helden in seinen Rittermärchen. Don Quijote empfindet keinerlei Selbstmitleid oder Sinnlosigkeit. Ganz im Gegenteil, die ihm von ihm selbst auferlegte Aufgabe, nach den Werten und Tugenden der fahrenden Ritter zu leben und zu handeln und dafür auf eine feste Bleibe, auf Verpflegung, Wohlstand, Annehmlichkeiten und Sicherheit zu verzichten, erfüllt ihn mit Stolz und Sinn. Und in Namen seiner – von ihm selbst (einseitig) erwählten – großen Liebe zu seiner Herrin Dulcina – sieht er sich berufen, den bösen Zauber, dem die Windmühlen seiner Ansicht nach unterliegen, zu bekämpfen: für eine bessere Welt und für die Aufrechterhaltung der Tugenden, die er vermittelt.
Der Kampf des Don Quijote gegen die (verzauberten) Windmühlen mag in seiner Wahnvorstellung ursächlich sein, dass Zauberer existieren und er berufen ist, sich dem zur Wehr zu setzen. Insofern wird er an unzähligen Stellen in dem Roman von Weggefährten und Beobachtern auch oftmals belächelt oder wird sein Verstand in Abrede gestellt oder sind die Personen sich sicher, dass er schlicht irre oder wahnsinnig sei. Es ist gestern wie heute, dass ein Mann (zusammen mit seinem Knappen), gekleidet in Ritterrüstung und wirres Zeug über seine Herrin, über Zauberer und über seine Ritterhelden redend, unweigerlich für verrückt erklärt wird.
Nun zu meinem eigentlichen Anliegen: wie sehr belastet oder beeinflusst Don Quijote diese Wahrnehmung der Anderen, der gegen ihn gerichtete Spott? Wie viele Gedanken macht er sich über sein eigenes Bild bei den Anderen? Wie irre und geistig umnachtet ist er wirklich im Vergleich zu denen, die sich über ihn lustig machen? Kennen die Spötter denn die wirklich die Wahrheit und können sie mit Fug und Recht sagen, dass Don Quijote einem Wahn unterliegt? Woher wissen sie eigentlich, dass die Windmühlen, tatsächlich oder bildlich, nicht verzaubert sind? Woher wissen sie, dass die Ritter, die Don Quijote als Vorbilder dienen, tatsächlich nicht existierten? Und wie relevant ist es überhaupt, wer dabei wirklich Recht hat?
Don Quijote steht für Mut, Tatentschluss, Überzeugung, ritterliche Tugenden und eine bessere Welt. Ist es nicht erschreckend zu sehen, wie ungewohnt das seinen Beobachtern ist, sodass ihnen nur der Weg bleibt, sich über ihn zu belustigen? Könnte hinter deren Ablehnung nicht die Angst stehen, zu erkennen, im eigenen Leben keinen richtigen Sinn zu haben und immer nur wie ein Lamm mit der Herde zu laufen? Reagieren wir nicht alle automatisch mit Ablehnung und Spott, wenn uns Jemand begegnet, der für eine Sache wirklich einsteht, die wir nicht einsehen wollen?
Anders formuliert: es kann doch dahingestellt bleiben, ob Don Quijote verrückt ist oder ob das Sichtfeld seiner Spötter zu eng ist und sie nicht das „Große“ sehen können. Es kann dahingestellt bleiben, weil Don Quijote es nicht als seine Aufgabe ansieht, zu gefallen und zu überzeugen. Ihm, dem Protagonsiten, ist die Meinung der anderen vollkommen gleichgültig. Der „Sinn“, den wir alle erfahren wollen und leider nicht den Mut haben, ihn suchen zu gehen, weil wir dann allein sein könnten mit unserem eigenen „Sinn“, ist derart subjektiv und relativ, dass es kein Richtig oder Falsch bei der Antwort geben kann.
Allerdings, um wirklichen Sinn für das eigene Leben zu empfinden, sei es als fahrender Ritter, als Bettler, als Imker, Influencer, usw., sind wir doch aufgefordert, den Weg des Don Quijote selber zu gehen und dafür unter Umständen dann Bequemlichkeit, Sicherheit und Wohlstand zu opfern. Und weil uns das so absurd erscheint, so sinnlos und dumm, weil wir das Risiko scheuen, einen falschen Weg zu nehmen, verspottet zu werden, allein zu sein mit unserem Sinn, bleiben wir diejenigen, die selber spotten, einfach weil es leichter ist und wir damit vermeintlich besser schlafen können.
Don Quijote ist für mich ein Vorbild an Mut und Tapferkeit. Seine Berühmtheit in der Mancha und in Spanien erlangte er nicht, weil es ihm darauf ankam, sondern beiläufig, weil er den anderen so fremd war. Er, der Verrückte, wurde zum Vorbild. Und dabei kommt es nicht im Ansatz darauf an, ob die Windmühlen tatsächlich verzaubert waren, so wie er meint. Er wurde Vorbild, weil er – im Wahn oder nicht im Wahn – felsenfest einstand für das, was ihm wichtig ist.
Wenn wir also wieder denken, dass wir täglich gegen unsere Windmühlen kämpfen und in Selbstmitleid zergehen, dann sollten wir uns fragen, ob wir wirklich in eigenem Auftrag unterwegs sind. Wenn nicht, dann brauchen wir den Kampf auch nicht führen. Wenn aber doch, dann auch mit den Tugenden, die uns wichtig sind (Selbstmitleid ist keine Tugend). Und wenn uns jemand mal wieder sagt, dass er derzeit gegen Windmühlen kämpfe, dann können wir ihn doch eigentlich nur beglückwünschen.
Most people mention Cervantes’ Don Quixote whenever they feel they are fighting windmills; in other words, wearing themselves out in vain and getting nowhere, toiling away in some sort of mock battle.
In German, there is in fact an idiom for this pointless toiling: ‘fighting windmills’.
The ‘remnant’ of the old ‘Don Quijte’—which has survived in modern usage, albeit inaccurately—could not be a better example of how misguided our perception can sometimes be:
Taking our daily skirmishes as an example – whatever the context – we very quickly recognise the futility of our actions and lose patience with ourselves and others. At such moments, Don Quixote springs to mind and we experience a form of self-pity, feeling as alone as he was in his fight against windmills; and sometimes we are even overcome by a certain fear that we might be as mad as he was – namely when we think we recognise that we believe in things that may not even exist. What follows in our everyday lives is restlessness, anger and unfair behaviour towards others, stemming from our own dissatisfaction. We, so to speak, take our own fate upon our shoulders and, as Don Quixote would say, become the victims of a wicked spell.
Yet Don Quixote does not at all embody the desperate struggle against windmills that we are all familiar with. From his perspective, the battle he wages is voluntary, meaningful, honourable and virtuous. For in his distorted perception, he himself has become a knight-errant, just like the heroes in his chivalric tales.
Don Quixote feels no self-pity or sense of futility. Quite the contrary: the task he has set himself – to live and act in accordance with the values and virtues of knights-errant, and in doing so to forgo a permanent home, food, prosperity, comforts and security – fills him with pride and a sense of purpose. And in the name of his great love – which he himself has (unilaterally) chosen – for his lady Dulcinea, he feels called upon to combat the evil spell to which, in his view, the windmills are subject: for a better world and for the preservation of the virtues he embodies.
Don Quixote’s battle against the (enchanted) windmills may stem from his delusion that sorcerers exist and that he is destined to fight them. In this respect, he is often ridiculed by companions and onlookers at countless points in the novel; his sanity is called into question; or people are convinced that he is simply mad or insane. It is as true today as it was yesterday that a man (together with his squire), clad in a knight’s armour and rambling about his lady, about sorcerers and about his chivalric heroes, is inevitably declared mad.
Now to my main point: to what extent does Don Quixote feel burdened or influenced by this perception of others, by the mockery directed at him? How much does he dwell on the image others have of him? How deluded and mentally deranged is he really, compared to those who make fun of him? Do the mockers actually know the truth, and can they justifiably claim that Don Quixote is labouring under a delusion? How do they actually know that the windmills, whether literally or figuratively, are not enchanted? How do they know that the knights who serve as Don Quixote’s role models did not, in fact, exist? And how relevant is it, anyway, as to who is actually in the right?
Don Quixote stands for courage, determination, conviction, chivalrous virtues and a better world. Is it not alarming to see how unfamiliar all this is to those who observe him, so that their only recourse is to mock him? Might there not lie behind their rejection a fear of realising that their own lives lack any real meaning, and that they merely follow the herd like sheep? Do we not all automatically react with rejection and derision when we encounter someone who truly stands up for a cause that we refuse to acknowledge?
To put it another way: it can be left open as to whether Don Quixote is mad or whether his mockers’ perspective is too narrow for them to see the ‘big picture’. It can be left open because Don Quixote does not see it as his task to please or to convince. He, the protagonist, is completely indifferent to the opinions of others. The ‘meaning’ that we all long to experience – and unfortunately lack the courage to seek out, for fear of being left alone with our own ‘meaning’ – is so subjective and relative that there can be no right or wrong answer.
However, in order to find true meaning in our own lives – be it as a knight-errant, a beggar, a beekeeper, an influencer, and so on – we are called upon to follow in Don Quixote’s footsteps ourselves, and in doing so may have to sacrifice comfort, security and prosperity. And because this seems so absurd to us, so pointless and foolish, because we shy away from the risk of taking the wrong path, of being mocked, of being alone with our own sense of purpose, we remain the ones who mock others, simply because it is easier and we can supposedly sleep better that way.
To me, Don Quixote is a model of courage and bravery. He did not achieve fame in La Mancha and throughout Spain because he sought it, but rather incidentally, because he was so different from the others. He, the madman, became a role model. And yet it doesn’t matter in the slightest whether the windmills were actually enchanted, as he believed. He became a role model because – whether deluded or not – he stood firm for what mattered to him.
So if we find ourselves once again thinking that we are fighting our own windmills day in, day out and wallowing in self-pity, then we should ask ourselves whether we are truly acting on our own initiative. If not, then there is no need for us to wage this battle. But if we are, then we must do so with the virtues that matter to us (self-pity is not a virtue). And if someone tells us yet again that they’re currently fighting windmills, then really we can only congratulate them.
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