Wir alle treffen im Laufe des Tages unzählige Entscheidungen. Die meisten davon sind Routineentscheidungen wie: aufstehen, Kaffee machen, duschen, anziehen, zur Arbeit gehen. Es gibt größere Entscheidungen, die wir mit anderen Menschen abstimmen müssen, so wie der gemeinsame Urlaub. Und es gibt grundlegende Entscheidungen, so wie die Entscheidung für ein Baby, für eine Ehe, für einen Partner- oder Jobwechsel, usw. Letztere haben vermeintlich großen Einfluss auf unsere Zukunft, sodass wir gerne abwägen, ob die im Raum stehende Entscheidung für uns richtig ist.
Entscheidungen setzen voraus, dass wir eine Wahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten haben. Wo diese Wahlmöglichkeit fehlt, ist das Ergebnis vorherbestimmt und verlangt es keiner konkreten Entscheidung.
Die Frage, die ich mir stelle ist, ob wir unsere Wahl bzw. unsere Wahlmöglichkeiten frei zu wählen haben dürfen, damit wir von einer Entscheidung sprechen können.
Beispiel:
Die Eltern stellen dem 25 jährigen Sohn zur Wahl, sich nach nun endlich zwischen dem Jurastudium und dem Maschinenbaustudium zu entscheiden, um endlich etwas Vernünftiges mit seinem Leben anzufangen. Ansonsten muss er das Elternhaus verlassen und sich selbst versorgen.
Hier darf das „Kind“ innerhalb der Wahlmöglichkeiten ( Jura oder Maschinenbau) ganz offensichtlich eine eigene, freie Entscheidung treffen. Allerdings werden ihm de Wahlmöglichkeiten vorgegeben und scheint er in der Wahl der Möglichkeiten nicht frei zu sein.
Hat er nun eine Entscheidung getroffen, wenn er sich beispielsweise für das Jurastudium entscheidet? Oder kann er in dieser Situation gar keine freie Entscheidung treffen, weil er die zur Wahl stehenden Möglichkeiten nicht selbst gewählt hat?
Die hinter dem Beispiel liegende Frage ist also: wieviel eigene Freiheit setzt eine Entscheidung voraus, damit sie eine Entscheidung ist?
In unserem Beispiel a) ist der Entscheider nicht wirklich frei in seiner Wahl; der Rahmen ist vorgegeben. Oder doch nicht?
Es ließe sich einwenden, dass der Sohn die ihm zur Wahl gestellten Wahlmöglichkeiten freiwillig akzeptiert. Er hätte ja auch die Wahl gehabt, ein ganz anderes Studium zu wählen oder gar nicht zu studieren. Was ihn davon abhielt, wirklich frei zu wählen, was das ihm in Aussicht gestellte Übel: „alternativ hast Du für dich selbst aufzukommen und unterstützen wir dich finaziell nicht mehr“.
Dem Sohn wird hier – aus seiner Sicht – mit einem empfindlichen Übel gedroht, nämliche der Wegfall der elterlichen Nestwärme. Das Übel war für ihn so groß, dass er die Wahlmöglichkeiten akzeptierte.
Indem der Sohn die von den Eltern gestellten Wahlmöglichkeiten als abschließend akzeptiert, und keine dritte oder vierte Variante für sich zulässt, entscheidet er doch bewusst darüber, die Bedingungen der Eltern zu akzeptieren. Er unterlässt eine eigene Entscheidung über seine Zukunft und streng genommen ist sein Unterlassen dann eben doch eine bewusste, freie Entscheidung. Diese Entscheidung trifft der Sohn, noch bevor er sich zwischen den Wahlmöglichkeiten zu „entscheiden“ hat.
In unserem Beispiel kommt nun erschwerend hinzu, dass dem Sohn ein – aus seiner Sicht – empfindliches Übel in Aussicht gestellt wurde, namentlich der Wegfall der eltelichen Nestwärme. Die Eltern drohten damit, ihn rauszuwerfen, wenn er sich nicht zwischen A und B entscheide.
Jetzt fragt es sich noch, ob seine vorgezogene, eigene Entscheidung, die elterlich gestellten Wahlmöglichkeiten zu akzeptieren und eigene, weitere Wahlmöglichkeiten zu unterlassen, wirklich vollends frei war. Schließlich wurde dem Sohn mit einem aus seiner Sicht empfindlichen Übel gedroht und dürfte ihn dieses Übel in seiner Entscheidung beeinflusst haben und somit „unfrei“ gemacht haben (wir lassen hier außer Acht, dass die Frage berechtigt ist, ob einem erwachsenen Menschen die Androhung des Entzugs von elterlicher Nestwärme tatsächlich unfrei machen kann; hier es geht uns ausschließlich um das subjektive Empfinden des „Kindes“).
Aus juristischer Sicht haben die Eltern mit einem – aus Sicht des Sohnes – empfindlichen Übel gedroht, um ihn zu einer Handlung zu „nötigen“. Klarzustellen ist, dass die Eltern sich dennoch nicht strafbar gemacht haben im Sinne von § 240 StGB, insbesondere weil die erforderliche „Verwerflichkeit“ der Tat fehlt. Es ist nicht verwerflich, dem erwachsenen Kind die Haustür zu zeigen und mit dem Rausschmiss von Zuhause zu drohen.
Aus „philosophischer“ Sicht (ich bin und bleibe hier Laie) dürfte der Sohn längst eine bewusste Entscheidung getroffen haben, ehe er überhaupt mit dem Übel konfrontiert wurde: nämlich abhängig von den eigenen Eltern zu bleiben, obwohl er „formal“ erwachsen ist, oder anders formuliert, zu unterlassen, eigenständig zu werden. Seine bewusste Wahl, abhängig zu bleiben, ließ die Aussicht, die Nestwärme zu verlieren, aus Sicht des Sohnes erst zu einer Drohung bzw. zu einem empfindlichen Übel werden. Hätte der Sohn sich vorzeitig dazu entschlossen, erwachsen und unabhängig von seinen Eltern zu werden, so wäre der drohende Verlust der Nestwärme kein Übel für ihn gewesen. Die Folge wäre gewesen, dass der Sohn dann bei der Aufforderung der Eltern (sofern es überhaupt zu dieser Situation gekommen wäre), hätte frei und ohne Druck entscheiden können. Für den Sohn waren aber die Vorteile der Abhängigkeit bisher überwiegend, insbesondere musste er keine Verantwortung für sich selbst übernehmen und er konnte er sich die gewohnte Bequemlichkeit bewahren.
Die Lage des Sohnes, sich in einer empfundenen „Zwangslage“ zu befinden, dürfte uns in ganz unterschiedlichen Konstellationen bekannt vorkommen. Wir empfinden Ausweglosigkeit und Zwang zu Situationen, in die wir uns mehrere Schritte vorher durch freie Entscheidungen geschaffen haben. Wir müssen dann oftmals erkennen, dass die jetzt bestehende Zwangslage nur deswegen besteht, weil wir die Konsequenzen vorheriger Entscheidungen, die die Zwangslage vermieden hätten, nicht tragen wollten. Vielleicht wären diese Konsequenzen (Sohn: Verlust der Bequemlichkeit, Übernahme von Verantwortung) aber gar nicht so schlecht für uns gewesen, wie wir damals befürchtet haben. Vielleicht wären die Konsequenzen allemal besser gewesen als die (vermeintlichen) Zwangslage, in der wir uns aktuell befinden.
Aktuell befinde ich mich in einer vergleichbaren Zwangslage. Die mir zur Wahl stehenden Möglichkeiten sind entweder nicht frei, oder ist die einzige – für mich freie – Möglichkeit versperrt, weil ich mich (noch) nicht in der Lage sehe, diese freie Entscheidung für mich zu treffen. Und mir wird auch die Zeit fehlen, die Hindernisse zur freien Entscheidung zu beseitigen. Ich muss aber leider (erneut) erkennen, dass ich mich über Jahrzehnte bewusst dazu entschieden habe, den vermeintlich unbequemen Weg zu meiden, der aber in Autonomie und Freiheit gemündet wäre und der vermeintlich bequeme Weg nun mit erheblichen Unbequemlichkeiten wartet.
Was ich aber nun weiß ist, dass mir die Entscheidung nicht auferlegt wurde, so wie es sich bisher für mich angefühlt hat. Ich habe die Wahl (gehabt), nur habe ich die Wahl nicht genutzt, die mir die jetzige Entscheidung erspart hätte. Und wenn die jetzige Entscheidung also unausweislich ist, so habe ich sie in der Vergangenheit bereits getroffen.
We all make countless decisions throughout the day. Most of them are routine decisions, such as: getting up, making coffee, having a shower, getting dressed, going to work. There are bigger decisions that we have to discuss with other people, such as planning a holiday together. And there are fundamental decisions, such as deciding to have a baby, to get married, to change partners or jobs, and so on. The latter are thought to have a major impact on our future, so we tend to weigh up whether the decision at hand is the right one for us.
Decisions presuppose that we have a choice between different options. Where this choice is lacking, the outcome is predetermined and requires no specific decision.
The question I ask myself is whether we must be free to choose our options in order for it to be considered a decision.
Example:
The parents are giving their 25-year-old son the choice of finally deciding between studying law and studying mechanical engineering, so that he can finally do something sensible with his life. Otherwise, he will have to leave home and fend for himself.
Here, the ‘child’ is quite clearly allowed to make his own free choice within the available options (law or mechanical engineering). However, the options are dictated to him and he does not appear to be free to choose between them.
Has he actually made a decision if, for example, he chooses to study law? Or is he unable to make a free decision in this situation at all, because he did not choose the available options himself?
The question underlying this example is therefore: how much personal freedom does a decision require in order to be considered a decision?
In our example (a), the decision-maker is not truly free in his choice; the framework is predetermined. Or is he?
One might argue that the son voluntarily accepted the options presented to him. After all, he could have chosen a completely different course of study, or not studied at all. What prevented him from making a truly free choice was the threat held over him: ‘alternatively, you will have to fend for yourself and we will no longer support you financially’.
Here, the son is – from his point of view – threatened with a serious penalty, namely the loss of his parents’ financial support. This penalty was so great for him that he accepted the options presented to him.
By accepting the options presented by his parents as definitive, and not allowing himself a third or fourth alternative, the son is in fact consciously deciding to accept his parents’ conditions. He refrains from making his own decision about his future and, strictly speaking, this refraining is, after all, a conscious, free decision. The son makes this decision even before he has to ‘decide’ between the options.
In our example, the situation is further complicated by the fact that the son was faced with the prospect of what he regarded as a serious hardship, namely the loss of the comfort of his parents’ home. The parents threatened to throw him out if he did not choose between A and B.
The question now remains as to whether his own, premature decision to accept the options presented by his parents and to refrain from considering any further options of his own was truly entirely free. After all, the son was threatened with what he perceived as a serious hardship, and this hardship is likely to have influenced his decision and thus rendered him ‘unfree’ (we shall disregard here the legitimate question of whether the threat of being deprived of parental warmth can actually render an adult ‘unfree’; our concern here is exclusively with the subjective perception of the ‘child’).
From a legal perspective, the parents threatened the son with a hardship – which he perceived as severe – in order to ‘coerce’ him into an action. It should be made clear, however, that the parents have not committed a criminal offence within the meaning of Section 240 of the German Criminal Code (StGB), in particular because the required ‘reprehensibility’ of the act is lacking. It is not reprehensible to show an adult child the door and threaten to throw them out of the family home.
From a ‘philosophical’ point of view (I am and remain a layman in this regard), the son is likely to have made a conscious decision long before he was even confronted with the problem: namely, to remain dependent on his own parents, even though he is ‘formally’ an adult, or, to put it another way, to refrain from becoming independent. His conscious choice to remain dependent was what, from the son’s perspective, turned the prospect of losing the comfort of home into a threat or a significant hardship in the first place. Had the son decided at an earlier stage to become an adult and independent of his parents, the impending loss of the comfort of home would not have been a hardship for him. The result would have been that, when his parents made the request (if indeed it had ever come to that), the son would have been able to decide freely and without pressure. For the son, however, the advantages of dependence had so far outweighed the disadvantages; in particular, he did not have to take responsibility for himself and was able to maintain his accustomed comfort.
The son’s situation – finding himself in what he perceives as a ‘predicament’ – is likely to be familiar to us in a wide variety of contexts. We feel a sense of hopelessness and compulsion in situations that we ourselves have brought about several steps earlier through our own free choices. We then often have to realise that the predicament we now find ourselves in exists solely because we did not want to face the consequences of earlier decisions that would have prevented it. Perhaps, however, these consequences (son: loss of comfort, taking on responsibility) would not have been as bad for us as we feared at the time. Perhaps those consequences would in any case have been better than the (supposed) predicament in which we currently find ourselves.
At the moment, I find myself in a similar predicament. The options available to me are either not freely chosen, or the only option – which is free for me – is blocked because I do not (yet) see myself as capable of making this free decision for myself. And I will also lack the time to remove the obstacles to making a free decision. Unfortunately, however, I must (once again) recognise that, over decades, I have consciously chosen to avoid the supposedly uncomfortable path – one which would have led to autonomy and freedom – whilst the supposedly comfortable path now holds considerable discomfort in store.
What I do know now, however, is that the decision was not imposed on me, as it had felt to me up until now. I did (have) a choice, but I did not make use of it – a choice that would have spared me this current decision. And so, if this current decision is inevitable, then I must have already made it in the past.