Kategorie: Allgemein

  • Schauspielpause

    Acting break

    04.05.2026

    Zu meiner ursprünglichen Zufriedenheit wuchs in den vergangenen Wochen die Zahl derjenigen, die meine Beiträge lasen, von „niemand“ auf „ein paar verierte Seelen“. Zu meiner Unzufriedenheit merkte ich, dass ich mich genau darauf konzentriert habe und täglich die Statistiken checkte. Zeit für eine Pause, dachte ich mir. Mein Ziel mit diesem Blog war es, etwas für mich zu machen, einen inneren, transparenten Dialog zu haben. Ich brauchte das, deswegen dieser Blog hier. Wenn ich aber nicht mehr auf mein Inneres, sondern auf Klick-Zahlen schaue, dann kann ich es auch lassen. Mittlerweile, nach mehreren Tagen Pause, fühle ich mich ein Stück weit von dem Drang zu Gefallen und Anerkennung von außen zu erhalten, mehr befreit. Es kann also weitergehen, vorläufig.

    To my initial satisfaction, the number of people reading my posts has grown over the past few weeks from ‘nobody’ to ‘a few lost souls’. To my dissatisfaction, I realised that I had become fixated on this and was checking the statistics every day. Time for a break, I thought to myself. My aim with this blog was to do something for myself, to have an inner, transparent dialogue. I needed that, which is why this blog exists. But if I’m no longer looking inwards but at click counts, then I might as well give it up. Now, after a few days’ break, I feel somewhat freer from the urge to seek approval and recognition from outside. So I can carry on, for the time being.

    Andererseits habe ich das Schreiben hier vermisst. Ich merke, es ist ein Teil von mir geworden. Nicht wegen dem „Außen“. Es hilft mir, mich zu regulieren und zu reflektieren, ohne dabei zu grübeln. Das Schreiben ist wie eine leise Stimme, die weder schreit noch schweigt. Sie ist wie eine Moderation meines Alltags aus dem „Off“. Sie lässt mich weniger allein fühlen.

    On the other hand, I’ve missed writing here. I realise it’s become a part of me. Not because of the ‘outside world’. It helps me to find my balance and reflect without getting bogged down in my thoughts.

    Ich habe die vergangenen Tage damit verbracht, einen Schauspielkurs für Theater und Film zu belegen. Nicht, weil ich mir trotz meines vorangeschrittenen Alterns noch eine Karriere als Schauspieler erhoffte (edit: doch, ein Teil von mir hoffte es doch!), sondern weil ich die Vorstellung hatte, über das Schauspielern, also das Spielen von Rollen, meine Gefühle besser ausdrücken zu können. So wie die Leute kostümiert an „Karneval“ meinen, sich daneben benehmen zu können, weil die verkleidete Person nicht sie sind, so dachte ich mir, dass ich in einer gespielten Rolle die Dinge rauslassen kann und darf, die ich mir bisher nicht erlaubt habe.

    Es hat mir unglaublich viel Spaß gemacht und ich werde es wiederholen bzw. einen Anschlusskurs buchen. Ich spielte einen erbarmungslosen Killer in einem Macht-Dialog mit seiner damaligen Frau, die ihn verlassen hat. Er drohte, war zynisch, eiskalt, bedrohlich.

    Ich durfte für einen kurzen Moment jemand sein, der wahrlich kein „Nice Guy“ ist, und ich muss sagen, es war überwältigend. Nicht, als Bösewicht wahrgenommen zu werden, sondern zur Rolle passende Gefühle in mir zu erzeugen und SIE DANN AUCH ZU LEBEN, rauszulassen. Keine Maske, kein Mr. Charming, sondern ein Ekel, zu 100 % ungeschönt.

    I’ve spent the last few days taking an acting course for theatre and film. Not because, despite my advancing age, I was still hoping for a career as an actor (edit: actually, part of me was hoping for it!), but because I had the idea that acting – that is, playing roles – would help me express my feelings better. Just as people in fancy dress at ‘Carnival’ think they can behave badly because the person in the costume isn’t really them, I thought that in a fictional role I could and would be allowed to let out the things I hadn’t allowed myself to do before.

    I had an absolute blast and I’ll definitely do it again – or book a follow-up course. I played a ruthless killer in a power struggle with his ex-wife, who had left him. He was threatening, cynical, ice-cold, menacing.

    For a brief moment, I was allowed to be someone who is truly no ‘nice guy’, and I have to say, it was overwhelming. Not being perceived as a villain, but generating feelings within myself that suited the role and THEN ACTING ON THEM, letting them out. No mask, no Mr Charming, but a repulsive character, 100% unvarnished.

    Und dann dachte ich an Epiktet. „Bedenke: Du bist Darsteller eines Stücks, dessen Charakter der Autor bestimmt, und zwar eines kurzen, wenn er es kurz, eines langen, wenn er es lang wünscht. Will er, dass du ein Bettler darstellst, so spiele auch diesen einfühlend; ein Gleiches gilt für einen Krüppel, einen Herrscher oder einen gewöhnlichen Menschen. Deine Aufgabe ist es nur, die dir zugeteilte Rolle gut zu spielen; sie auszuwählen, steht einem anderen zu“ – Handbüchlein der Moral, Ziffer 17.

    Das Zitat macht seit vergangenem Wochenende noch mehr Sinn für mich. Zu bedenken ist dabei nur, dass die Rolle als „Nicy Guy“ keine auferlegte Rolle ist. Die wahre Rolle liegt verborgen dahinter. Sie zu finden ist die konkrete Aufgabe.

    And then I thought of Epictetus. “Consider this: you are an actor in a play whose character is determined by the author – a short one if he wishes it to be short, a long one if he wishes it to be long. If he wants you to play a beggar, then play that role with feeling; the same applies to a cripple, a ruler or an ordinary person. Your task is simply to play the part assigned to you well; it is for another to choose it” – Manual of Ethics, Section 17.

    Since last weekend, this quote has made even more sense to me. The only thing to bear in mind is that the role of the ‘Nice Guy’ is not an imposed role. The true role lies hidden behind it. Finding it is the specific task.

  • Polizei ist Dein Freund und Helfer

    The police are your friends and helpers

    15.04.2026

    Jeden Morgen radel ich mit dem Fahrrad in mein Büro. Unterwegs höre ich Musik und tendiere dazu, in schwere Gedanken zu verfallen; Gedanken über den alltäglichen Trott, über die immer gleiche Strecke, die Langeweile des Lebens, meine Unzufriedenheit, meine Depression, meine Ängste. Im Grunde sind diese 15 Minuten Fahrzeit oftmals ein seelisches Loch, sollen sie mich doch eigentlich erfrischen und für „Durchlüftung“ sorgen.

    Heute morgen war ich derart in Gedanken, dass ich beinahe eine rote Ampel überfahren habe. Ich grübelte, war gedanklich irgendwo im abstrakten Weltraum unterwegs; nichts, was ich jetzt in konkrete Worte wiedergeben könnte.

    Kurz vor der Ampel sah ich zwei Fahrrad-Polizisten, die den Verkehr (und mich beobachteten). Ich griff fest in die Bremse und kam mit quitschenden Reifen (vor der roten Ampel) zum Stehen.

    Was folgte war Applaus der Polizeibeamten. Der eine zog – als humoristische Geste des Dankes – seine Mütze leicht runter und neigte den Kopf. Der Andere machte eine verbeugende Haltung. Ich fand die Einlage der Polizisten in dem Moment derart komisch, dass ich mich ebenfalls verbeugte und ein Zeichen machte, nochmal Glück gehabt zu haben. Als das grüne Signal kam und ich los fuhr, machten die Beiden noch ein Grußzeichen.

    Binnen Sekunden war mein Morgen ein vollkommen Anderer. Zuvor war ich in gedanklichen Untiefen „verloren“, nun war ich komplett im Tag, im „Jetzt“.

    Marc Aurel sagt: „Lass dich nicht von einem Blick auf die ganze Bandbreite des Lebens erschrecken. Fülle deinen Kopf nicht mit Gedanken an all die schlimmen Dinge, die noch passieren können. Konzentriere dich auf die Gegenwart und frage dich, warum du sie so unerträglich findest und wie du sie überleben kannst“ – Selbstgespräche, 8.36.

    Selbstdisziplin bedeutet im Wesentlichen, seine eigenen Gedanken zu kontrollieren. Das ist mitunter das Schwierigste, dessen man sich bemühen kann, aber auch das Sinnvollste. Unsere Gedanken sind alles, was wir wirklich kontrollieren können. Und können wir sie nicht kontrollieren, so können wir unser Leben nicht kontrollieren.

    Und wenn wir es nicht schaffen, unsere Gedanken zu kontrollieren, so kann es hin und wieder auch Helfer von Außen geben, die uns in die Realität zurückholen. Wir müssen Sie aber auch erkennen und den Schritt wagen, uns auf sie einzulassen. Leben ist im Hier und Jetzt. Eigene Gedankenwelten, so wichtig sie auch scheinen mögen, sind in aller Regel nichts als Kraft- und Zeitverlust, es sei denn wir denken konstruktiv und gezielt nach, uns zwar um uns auf Handlungen vorzubereiten. Solange wir aber nicht über zukünftige Handlungen nachdenken, sondern einfach nur „Denken“, sind wir in anderen Welten unterwegs und wir können dann auch keinen Anspruch erheben, uns in der realen Welt angekommen und aufgehoben zu fühlen.

    Every morning I cycle to the office. On the way, I listen to music and tend to get lost in heavy thoughts; thoughts about the daily grind, about the same old route, the tedium of life, my dissatisfaction, my depression, my anxieties. Basically, these 15 minutes of cycling are often a mental drain, even though they’re actually meant to refresh me and provide some ‘airing out’.

    This morning I was so lost in thought that I nearly rode through a red light. I was brooding, my mind wandering somewhere in abstract space; nothing I could put into concrete words now.

    Just before the traffic lights, I saw two police officers on bicycles watching the traffic (and me). I slammed on the brakes and came to a halt (in front of the red light) with screeching tyres.

    What followed was applause from the police officers. One of them – in a humorous gesture of thanks – pulled his cap down slightly and bowed his head. The other gave a slight bow. I found the officers’ little interlude so funny at that moment that I bowed too and made a gesture to indicate I’d had a lucky escape. When the green light came on and I drove off, the two of them waved goodbye.

    Within seconds, my morning was completely different. Before, I had been ‘lost’ in the depths of my thoughts; now I was fully present in the day, in the ‘now’.

    Marc Aurel says: “Don’t let a glimpse of the full spectrum of life frighten you. Don’t fill your head with thoughts of all the terrible things that could still happen. Focus on the present and ask yourself why you find it so unbearable and how you can survive it” – Self-Talk, 8.36.

    Self-discipline essentially means controlling one’s own thoughts. This is sometimes the most difficult thing one can strive for, but also the most meaningful. Our thoughts are the only thing we can truly control. And if we cannot control them, we cannot control our lives.

    And if we fail to control our thoughts, there may occasionally be external helpers who bring us back to reality. But we must also recognise them and take the step of engaging with them. Life is in the here and now. Our own mental worlds, however important they may seem, are generally nothing but a waste of energy and time, unless we think constructively and purposefully, for the sake of preparing ourselves for action. But as long as we are not thinking about future actions, but simply ‘thinking’, we are wandering in other worlds and cannot then claim to feel at home and secure in the real world.

  • Aragorn, der Schwertträger

    Aragorn, the Sword-bearer

    13.04.2026

    „Was für ein aktives Rollenmodell verfolgen Sie“ wurde ich von einem Persönlichkeits-Coach gefragt. Ich wusste darauf keine Antwort. Nach mehreren seiner Fragen wurde deutlich, dass ich mich in der Rolle des „Zauberers“ sehe. Ich bewege mich abseits der weltlichen Macht, bemühe mich, für andere das Unmögliche möglich zu machen, verliere mich in Träumereien, übernehme keine konkrete Verantwortung, denke vorrangig an die Anderen. Die Rolle als „Zauberer“ wirkte auf mich nicht sehr schmeichelhaft und traf der Coach einen wunden Punkt bei mir.

    Ich hatte mir bis dahin nie konkrete Gedanken über mein Rollenmodell als Mann gemacht, ich sah mich schlicht so wie ich eben bin. Außerdem hatte ich viele Muster von meinem Vater übernommen und lehnte andere seiner Verhalten kategorisch ab. Im Grunde habe ich also eine Mischung aus seinem Rollenmodell und einem Anti-Rollenmodell eingenommen.

    „Sie müssen ein Aragorn werden“, sagte mir der Coach. „Kennen Sie Aragorn: der Schwertträger, der Waldläufer, Elbenfreund, zukünftiger König? Kennen Sie seine Gesichte in dem Tolkien-Epos „Herr der Ringe“, wie er Jahrzehnte lang als offizieller Thronfolger im Schatten lebt und zusammen mit Gandalf, dem Grauen, den Ring im Auenland bewacht. Er nimmt sich eines Tages seinen rechtmäßigen Thron von Gondor, er schmiedet das Schwert „Anduril“ aus der alten Klinge des „Narsil“, er ist der Souverän.

    Die Figur des Aragorn steht für Souveränität, Erhabenheit, Gerechtigkeit, Weisheit, Mut und Mäßigung. Es verkörpert alle Tugenden der Stoiker in einem aktiven Verständnis. Die Figur des Aragorn setzt das Herrschen für sich, für die Familie und Andere voraus. Es setzt voraus, dass der freie Thron besetzt und aktiv mit Leben gefüllt wird. Der König ist nicht frei darin, eine Entscheidung an sich vorbei ziehen zu lassen. Er ist zu Entscheidungen verpflichtet, die eben weise, mutig, gerecht und souverän sind.

    Klingt das nach unsinniger Phantasiereise für Sie? Klingt es so, als hätte es mit dem „Nice-Guy Syndrom“ so überhaupt nichts zu tun?

    Weit gefehlt. Der Nice-Guy hat kein aktives Rollenmodell (als Mann und als Mensch insgesamt). Er passt sich an, immer. Er ist kleinlich, tückisch, unehrlich, klein, passiv. Er lehnt Verantwortung ab und deswegen füllt er auch keine Macht aus (oder er nutzt die Macht für eigene Zwecke, verfehlt seine Aufgabe als „Herrscher“).

    Der Souverän hingegen, der König, der Aragorn, ist das Gegenteil davon. Er lenkt, er entscheidet, er nimmt Ablehnung in Kauf, er steht für das Größere, für das Gerechte, er dient einem Allgemeinwohl, er ordnet, usw.

    Macht es nicht einen unfassbaren Unterschied, ob man sich selbst als „Zauberer“ oder als „Aragorn“ sieht und sich bemüht, danach zu handeln? Ist man nicht schon auf dem Weg, wenn man in seinem Alltag die Rolle als Souverän lebt?

    Mehr als das möchte der Stoizismus von uns nicht. Wir sollen die Prinzipien des Stoizismus im Alltag leben: Weisheit, Gerechtigkeit, Mut, Mäßigung. Vollkommen gleichgültig, welchen Beruf und welche gesellschaftliche Stellung wir haben. Es ist die aktive Rolle, die uns ans Ziel bringen wird. Der Feind der aktiven Rolle sind Tagträumereien und passives Wegducken.

    Wenn wir „Männer“ im besten Sinne sein wollen, dann brauchen wir ein positives, aktives und souveränes Rollenmodell.

    Mein Tag beginnt seit der Sitzung bei dem Coach – und nach etwas Stretching – mit einer Klopfübung für meine Akupunkte. „Ich bin Aragorn, der Schwertträger“ sage ich mir und stelle mir vor, wie ich diese Rolle im Alltag ausfülle.

    Was ist Ihre Rolle ab heute?

    ‘What kind of active role model do you aspire to be?’ a personal coach asked me. I didn’t know how to answer that. After several more questions from him, it became clear that I see myself in the role of the ‘magician’. I keep my distance from worldly power, strive to make the impossible possible for others, lose myself in daydreams, take on no concrete responsibility, and think primarily of others. The role of the ‘magician’ didn’t strike me as very flattering, and the coach had touched a raw nerve.

    Until then, I had never given any real thought to my role model as a man; I simply saw myself as I am. Furthermore, I had adopted many of my father’s patterns whilst categorically rejecting others of his behaviour. So, essentially, I had adopted a mixture of his role model and an anti-role model.

    ‘You must become an Aragorn,’ the coach told me. „Do you know Aragorn: the sword-bearer, the Ranger, the friend of the Elves, the future king? Do you know his story in Tolkien’s epic The Lord of the Rings, how he lives in the shadows for decades as the official heir to the throne and, together with Gandalf the Grey, guards the Ring in the Shire? One day he claims his rightful throne of Gondor, he forges the sword ‘Anduril’ from the old blade of ‘Narsil’, he is the sovereign.

    The figure of Aragorn stands for sovereignty, grandeur, justice, wisdom, courage and moderation. He embodies all the virtues of the Stoics in an active sense. The figure of Aragorn presupposes ruling for oneself, for one’s family and for others. It presupposes that the vacant throne is occupied and actively filled with life. The king is not free to let a decision pass him by. He is bound to make decisions that are wise, courageous, just and sovereign.

    Does that sound like a nonsensical flight of fancy to you? Does it sound as though it has absolutely nothing to do with the ‘Nice Guy Syndrome’?

    Far from it. The Nice Guy has no active role model (as a man and as a human being in general). He adapts, always. He is petty, treacherous, dishonest, small-minded, passive. He shirks responsibility and therefore does not exercise any power (or he uses power for his own ends, failing in his duty as a ‘ruler’).

    The sovereign, on the other hand – the king, the Aragorn – is the exact opposite. He leads, he decides, he accepts rejection, he stands for the greater good, for justice, he serves the common good, he organises, and so on.

    Does it not make an immense difference whether one sees oneself as a ‘wizard’ or as ‘Aragorn’ and strives to act accordingly? Are we not already on the right path if we live out the role of a sovereign in our daily lives?

    Stoicism asks no more of us than this. We are to live the principles of Stoicism in our daily lives: wisdom, justice, courage, moderation. It makes no difference whatsoever what profession or social position we hold. It is the active role that will lead us to our goal. The enemies of the active role are daydreaming and passive evasion.

    If we want to be ‘men’ in the best sense of the word, then we need a positive, active and confident role model.

    Since the session with the coach – and after a bit of stretching – my day begins with a tapping exercise for my acupuncture points. ‘I am Aragorn, the Sword-bearer,’ I tell myself, and imagine how I fulfil this role in everyday life.

    What is your role from today onwards?

  • Bruder Lorenz

    Brother Lawrence

    10.04.2026

    Wir als moderne Menschen scheinen zum Unglücklichsein bestimmt zu sein. Trotz unendlicher Ratgeber und einem riesigen Markt für Selbsterfahrung und -entfaltung scheinen wir immer unglücklicher zu werden.

    Daran mögen die heutige Zeit und die gravierenden Weltkonflikte ihre Mitschuld haben. Wir leben in schwierigen, unsicheren Zeiten. In meinem eigenen Leben in Deutschland fühle ich zum ersten Mal das Risiko von Krieg (welch ein Luxus im Vergleich zu anderen Menschen). Und dabei betreffen mich die globalen Konflikte eigentlich gar nicht, außer dass ich höhere Preise (Öl, Gas, etc.) und panische Berichterstattungen zu ertragen habe. Medien verfolge ich fast nicht mehr, und mit dem Auto fahre ich auch nicht viel zur Zeit. Also könnten mir die globalen Spannnungen persönlich eigentlich ziemlich egal sein.

    Der Grund, warum ich dennoch leide, so meine Beobachtung, liegt in mir selbst. In Zeiten, in denen alles möglich ist, Selbsterfüllung eine Pflichtung und Nichterreichen der Selbsterfüllung als Versagen verstanden wird, sind wir uns noch mehr unser größter Kritiker als in früheren Zeiten. Wir fühlen uns zu kurz gekommen, ohnmächtig, überholt, verraten. Wir haben keine Zeit mehr für tiefe Freundschaften, alles wird auf den Prüfstand gestellt, die Selbstoptimierung wird an erste Stelle gestellt. Der neue Job ist mies, und so suche ich nach 4 Monaten bereits eine neue Stelle, die noch mieser ist. Die Eigenarten des Partners nerven immer mehr, und so suchen wir uns einen neuen Partner, dessen Eigenarten uns noch früher noch mehr nerven. Eigentlich leben wir in einsamen und selbstbezogenen Zeiten. Und so fühlt es sich für mich auch an.

    Wie altmodisch und aus der Zeit gefallen wirkt dagegen die Geschichte von Bruder Lorenz, geb. 1614 in Lunéville, Frankreich, Laienbruder bei den „Unbeschuhten Kamelitern“:

    Bruder Lorenz wollte bei dem Ordern der Kamliter als junger Laienbruder studieren, musste anstelle dessen aber die niedrigsten Arbeiten für die Mönche erledigen. Bei einer der Verrichtungen, er fegte im Herbst das Laub der Bäume zusammen, hatte er eine „göttliche Eingebung“: er sah den nackten Baum frei von Blättern und dachte an den nächsten Frühling und daran, dass der Baum wieder volle Blätter tragen würde (so „einfache“ Feststellungen würde heute wohl niemand mehr als solche wahrnehmen). Sein Lebensmotiv war seitdem, die beständige göttliche Gegenwart zu erspüren und zu erfahren. Bruder Lorenz wollte alle Tätigkeiten aus Liebe zu Gott verrichten und ihm zu Diensten sein. „Gott braucht nichts; Gott hat mich nur für sich geschaffen; ich werde alles für alles geben und so leben, als gäbe es nur Gott und mich; ich möchte nichts tun, was Gott missfällt, ich möchte, dass alles, was ich tue, Gott gefällt; darum werde ich alles, was ich zu tun habe, aus Liebe zu Gott machen.“ So verblassten Selbstzweifel, Unsicherheit und Leiden, die er auch kannte. Nach dem Noviziat erhielt er die Aufgabe als Koch für die etwa 100 Personen des Klosters. Diese Tätigkeit übte er 15 Jahre lang aus, obwohl er sie nicht sonderlich mochte. Deshalb betete er vor, während und nach der Arbeit. Ein Gebet lautete: „Mein Gott, da du bei mir bist und ich meinen Geist auf deine Anordnung hin äußeren Dingen zuwenden muss, bitte ich dich um die Gnade, während dieser Aufgabe bei dir bleiben zu können und dir Gesellschaft zu leisten, und damit alles zum Besten verläuft, mein Herr, arbeite bitte mit mir zusammen, nimm meine Arbeit an und akzeptiere all meine Zuneigung.“

    Was möchte ich uns mit dem Beispiel von Bruder Lorenz sagen?

    1. Wir brauchen einen (ständigen) Kontakt zu einer spirituellen Quelle (egal die Quelle ein Gott oder eine transzentrale Energie ist). Wir brauchen sie, damit wir eine Haltung einnehmen, dass es auf dieser Welt etwas höheres als uns gibt. Wir bilden uns ein, wir können unsere Probleme allein und durch menschliche Logik lösen, aber wir können es nicht.
    2. Durch den Kontakt zur spirituellen Quelle lernen wir wieder, demütigt zu sein. Demut fehlt in der heutigen Zeit am allermeisten und sie ist m.E. ein wesentlicher Bestandteil, um glücklicher zu sein.
    3. Wir müssen akzeptieren, dass wir in diesem Leben keinen Nobel-Preis mehr erlangen oder Präsident eines Landes werden. Wir alle sind vollkommen normale Menschen und wir werden am Ende unseres Leben allesamt vollkommen normale Dinge erreicht haben. Warum glauben wir also weiterhin, wir könnten durch eigenen Glauben alles erreichen, wenn wir es nur genug möchten.

    Das Leben von Bruder Lorenz würde heute wohl niemand mehr führen (wollen). Wir würden es nicht mehr ertragen, derart zu kurz zu kommen im eigenen Leben.

    Dabei gibt uns sein Leben und seine Einstellung eine Antwort: Demut, Einfachheit, spirituelle Verbindung als höchstes Gut, können uns ein Leben mit viel mehr Glück, Zufriedenheit und weniger Leid und Schmerz bereiten.

    Wollen wir weiterhin leiden und darauf warten, dass in 30 Jahren irgendjemand unsere Einzigartigkeit endeckt und uns in das Leben befördert, von dem wir immer geträumt haben? Oder wollen wir versuchen, unser aktuelles Leben besser, einfacher, sinnvoller zu machen?

    Die Geschichte von Bruder Lorenz mag unpopulär sein. Aber denkt beim nächsten nervenden Familienessen, beim nächsten nervenden Meeting, bei der nächsten ungerechten Behandlung mal an Bruder Lorenz und daran, dass er studieren wollte, undankbare Arbeiten verrichten musste, und darin – oh Wunder – seine Selbsterfüllung fand. Nicht in einem prall gefüllten Konto, nicht in der 89.ten Partnerin, nicht in dem Traumjob.

    Gerade wir Männer brauchen diese spirituelle Exklusivität, wie Lorenz sie zu Gott gefunden hatte. Wir brauchen sie, um Sinn zu finden, um den Stürmen zu trotzen, und um aus dieser miesen Welt da draußen innerlich auszusteigen.

    We modern people seem destined to be unhappy. Despite endless self-help guides and a huge market for self-awareness and personal development, we seem to be growing ever more unhappy.

    The current climate and the serious global conflicts may well share some of the blame for this. We live in difficult, uncertain times. In my own life in Germany, I feel the risk of war for the first time (what a luxury compared to other people). And yet the global conflicts don’t really affect me at all, apart from having to put up with higher prices (oil, gas, etc.) and alarmist reporting. I hardly follow the media anymore, and I don’t drive much at the moment either. So, personally, I could actually be quite indifferent to global tensions.

    The reason why I nevertheless suffer, as I observe it, lies within myself. In times when anything is possible, when self-fulfilment is seen as a duty and failing to achieve it as a failure, we are even more our own harshest critics than in times past. We feel short-changed, powerless, left behind, betrayed. We no longer have time for deep friendships; everything is put to the test, and self-improvement takes priority. The new job is rubbish, so after four months I’m already looking for a new one that’s even worse.

    Our partner’s quirks start to get on our nerves more and more, so we look for a new partner whose quirks get on our nerves even sooner and even more. We actually live in lonely and self-centred times. And that is exactly how it feels to me.

    How old-fashioned and out of step with the times, by contrast, is the story of Brother Lorenz, born in 1614 in Lunéville, France, a lay brother with the ‘Discalced Carmelites’:

    Brother Lorenz had intended to study as a young lay brother in the Camaldolese Order, but instead found himself doing the menial tasks for the monks. Whilst performing one of these tasks – sweeping up the autumn leaves from the trees – he had a ‘divine inspiration’: he saw the bare tree, stripped of its leaves, and thought of the coming spring and how the tree would once again be covered in leaves (such ‘simple’ observations would probably no longer be perceived as such today). From then on, his life’s purpose was to sense and experience the constant divine presence. Brother Lorenzo wished to perform all his duties out of love for God and to be at his service. “God needs nothing; God created me solely for himself; I will give everything for everything and live as if there were only God and me; I wish to do nothing that displeases God; I wish that everything I do may please God; therefore, I will do everything I have to do out of love for God.” Thus, the self-doubt, insecurity and suffering that he too had known began to fade. After his novitiate, he was given the task of cooking for the monastery’s approximately 100 residents. He carried out this work for 15 years, even though he did not particularly enjoy it. That is why he prayed before, during and after work. One prayer went:

    “My God, since you are with me and I must, at your command, turn my mind to external matters, I ask you for the grace to remain with you and keep you company whilst carrying out this task; and so that all may go well, my Lord, please work with me, accept my work, and receive all my devotion.”

    What am I trying to say with the example of Brother Lorenz?

    We need a (constant) connection to a spiritual source (whether that source is God or a transcendent energy). We need this so that we can adopt the attitude that there is something higher than ourselves in this world. We delude ourselves into thinking we can solve our problems alone and through human logic, but we cannot.

    Through contact with the spiritual source, we learn once again to be humble. Humility is what is most lacking in today’s world, and in my view, it is an essential component of being happier.

    We must accept that in this life we will not win a Nobel Prize or become president of a country. We are all perfectly ordinary people, and by the end of our lives we will all have achieved perfectly ordinary things. So why do we continue to believe that we can achieve anything through our own faith, if only we want it enough?

    Hardly anyone today would (want to) lead a life like Brother Lorenz’s. We would no longer be able to bear being so deprived in our own lives.

    Yet his life and his attitude provide us with an answer: humility, simplicity, and spiritual connection as the highest good can bring us a life with far more happiness and contentment, and less suffering and pain.

    uniqueness in 30 years’ time and propel us into the life we’ve always dreamed of? Or do we want to try to make our current lives better, simpler, and more meaningful?

    The story of Brother Lorenz may be unpopular. But at the next annoying family dinner, the next tedious meeting, the next instance of unfair treatment, spare a thought for Brother Lorenz and the fact that he wanted to study, had to do thankless work, and found – oh wonder – self-fulfilment in it. Not in a bulging bank balance, not in his 89th partner, not in the dream job.

    We men, in particular, need this spiritual exclusivity, just as Lorenz found it in God. We need it to find meaning, to weather the storms, and to step away from this rotten world out there in our hearts.

  • Etwas mehr Abstand

    a little more space

    26.03.2026

    Ich lasse mich gerne von meinen Gefühlen beeinflussen oder sogar überwältigen. Negative Gefühle versuche ich zu vermeiden oder auf direktem Wege abzustellen, weil ich sie schlicht schwer aushalte (zumindest meine ich das). Positive Gefühle verleiten mich zum Eintauchen. Ich bin in der Lage, sie bewusst zu genießen und wahrzunehmen. Oftmals steuere ich mit meinem Verhalten einfach dort hin, wo mich positive Gefühle erwarten sollen. Man kann also sagen, ich bin ein Gefühlsmensch. Ich orientiere mich stark nach ihnen, bewusst oder unbewusst.

    In meinen Therapien habe ich gelernt, dass Gefühle nichts anderes sind als die Folge meiner Gedanken und Bewertungen. Wenn ich beleidigt werde, dann folgt meine innere Berwertung wie „das darf nicht sein. Diese Person darf mich nicht verletzen“. Was folgt sind negative Gefühle wie Wut, Ärger und vielleicht auch Traurigkeit. Eine Belohnung für ein erreichtes Ziel, oder ein gutes Gespräch, ein Lob usw. erzeugen positive Gefühle, einfach deswegen, weil ich ein Lob oder eine Belohnung als entsprechend positiv bewerte.

    Stellen wir uns einen Kulturkreis vor, in dem eigene Belohnung für erreichte Ziele verboten sei. Würde ich mich in diesem Kulturkreis noch so positiv fühlen (können)? Wohl eher nicht.

    Und so erzeugen wir für uns Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute und Sekunde für Sekunde eine eigene innere Welt von Gefühlen, geschaffen durch unsere milliarden Gedanken und Bewertungen.

    Ich frage mich, was mein Leben wäre ohne Gefühle. Was wäre, wenn mein Leben ausschließlich von meiner Logik geprägt wäre? Ich gehe arbeiten, weil ich Geld benötige. Ich gehe zum Arzt, weil ich krank bin. Ich führe ein Gespräch, weil ich Informationen benötige.

    So ein Leben – vergleichbar zu einem Roboter – wäre totlangweilig (für mich) und streng linear. Es gäbe keinerlei emotionale Ausbrüche nach oben oder unten. Ich stelle es mir nahezu als die Hölle vor und ich würde mich fragen: wozu das alles? Mir wird bewusst, dass ich eine Art „Gefühls-Junkie“ bin, der sich gerne emotional einlässt und oftmals auch überlädt. Und ich muss einsehen, dass ich unter meinen Gefühlen im Durchschnitt deutlich mehr leide, als dass sie mich gut fühlen lassen. Ich muss auch feststellen, dass ich überhaupt keine Antworten auf einen Sinn in meinem Leben finden kann, wenn ich mich vorrangig an meinen Gefühlen orientiere. Eigentlich irre ich umher, immer im Bemühen, die Gefühle zu balancieren. Und dabei wird vieles nötig, was eigentlich schädlich für mich ist: Alkohol (gute Gefühle), Vermeidungen von Streit und Konflikt (gute Gefühle), zuviel Essen (Belohnung = gute Gefühle), Surfen im Netz (Zerstreuung = gute Gefühle), usw.

    Mir ist heute morgen bewusst geworden, dass ich meinen Gefühlen weniger Bedeutung zusprechen muss, wenn ich insgesamt ausgewogener und stabiler, freier und ausgeglichener leben möchte. Ich habe verstanden, dass ich nicht frei werde, wenn ich immer versuche, positive Gefühle in mir zu erzeugen. Im Grunde mache ich mich wieder nur abhängig, diesmal von meinen Gefühlen. Andererseits möchte ich kein Leben als Robotter führen (und es wäre mir kognitiv auch überhaupt nicht möglich, meine Gefühle abzustellen).

    Was ich nun möchte (und brauche), ist grundsätzlich mehr Distanz zu meinen Gefühlen zu entwickeln und ihre Bedeutung für mich neu zu ordnen. Ehrlich gesagt haben meine Gefühle mich ins Chaos gestürzt und ich empfinde es als ungesund, sich tagein tagaus mit seinen Gefühlen zu beschäftigen. Mich erwartet vielleicht ein innerlich etwas langweiligeres, aber auch geordneteres Leben. Vielleicht kann ich Momente wahrnehmen, ohne sie zu bewerten und ohne zu fühlen. Vielleicht komme ich zu neuen Gedanken, oder wirklich mal zu mehr Ruhe. Vielleicht werden mir Dinge nicht mehr so wichtig, vielleicht enden Beziehungen. Vielleicht erkenne ich, dass ich all die Bestätigung von außen gar nicht benötige, um innerlich ausbalanciert zu sein.

    Ich merke, dass ich Freude an der Vorstellung entwickle. Aber halt: steht jetzt die Freude wieder im Vordergrund? Will ich mich einfach wieder nur gut fühlen? Oder soll es meinem Leben helfen, auch wenn ich Emotionen bei dem Thema entwickle? Beides, würde ich vorläufig sagen.

    I like to let my feelings influence me, or even overwhelm me. I try to avoid negative feelings or put a stop to them straight away, because I simply find them hard to bear (or so I think). Positive feelings draw me in. I am able to consciously enjoy and appreciate them. Often, I simply steer my behaviour towards situations where I expect to experience positive feelings. So you could say I am an emotional person. I am strongly guided by them, consciously or unconsciously.

    In my therapy sessions, I have learnt that feelings are nothing more than the result of my thoughts and judgements. If I am insulted, my inner judgement follows: ‘This must not be. This person must not hurt me.’ What follows are negative feelings such as anger, annoyance and perhaps even sadness. A reward for achieving a goal, or a good conversation, praise, etc., generate positive feelings, simply because I evaluate praise or a reward as being positive.

    Let’s imagine a culture in which rewarding oneself for achieving goals were forbidden. Would I still be able to feel positive in such a culture? Probably not.

    And so, day by day, hour by hour, minute by minute and second by second, we create our own inner world of feelings, shaped by our billions of thoughts and judgements.

    I wonder what my life would be like without feelings. What if my life were shaped exclusively by logic? I go to work because I need money. I go to the doctor because I am ill. I have a conversation because I need information.

    A life like that – much like that of a robot – would be utterly boring (for me) and strictly linear. There would be no emotional highs or lows whatsoever. I imagine it to be almost like hell, and I would ask myself: what’s the point of it all? I realise that I am a sort of ‘emotional junkie’ who likes to get emotionally involved and often ends up overwhelmed. And I have to admit that, on average, I suffer far more from my emotions than they make me feel good. I also have to acknowledge that I cannot find any answers regarding the meaning of my life at all if I primarily let my emotions guide me. In fact, I wander aimlessly, always striving to balance my emotions. And in doing so, I resort to many things that are actually harmful to me: alcohol (good feelings), avoiding arguments and conflict (good feelings), overeating (reward = good feelings), surfing the net (distraction = good feelings), etc.

    It dawned on me this morning that I need to attach less importance to my feelings if I want to live a more balanced and stable, freer and more equanimous life overall. I’ve realised that I won’t become free if I’m always trying to generate positive feelings within myself. Essentially, I’m just making myself dependent again, this time on my feelings. On the other hand, I don’t want to lead a robotic life (and cognitively, it would be completely impossible for me to switch off my feelings).

    What I now want (and need) is essentially to develop more distance from my feelings and to re-evaluate their significance for me. To be honest, my feelings have plunged me into chaos and I find it unhealthy to dwell on my feelings day in, day out. Perhaps a somewhat more boring, but also more orderly, inner life awaits me. Perhaps I can perceive moments without judging them and without feeling. Perhaps I’ll arrive at new thoughts, or truly find more peace. Perhaps things won’t matter so much to me anymore; perhaps relationships will end. Perhaps I’ll realise that I don’t need all that external validation at all to be internally balanced.

    realise that I’m starting to enjoy the idea. But wait: is enjoyment taking centre stage again? Do I just want to feel good again? Or is it meant to help my life, even if I do develop feelings about the subject? Both, I’d say for now.

  • Lebe lieber unbeschwert

    It’s better to live carefree

    25.03.2026

    Wir alle suchen nach der erfüllten Beziehung und Partnerschaft. Wir alle träumen von einem Zustand der Ausgewogenheit und des Gesehenwerdens. Und irgendwann bricht der Alltag herein mit all seinen Konflikten, Missverständnissen, unverarbeiteten Vorbelastungen, Automatismen und Rollenverteilungen. Dynamiken in Beziehungen entstehen nicht an einem einzelnen Tag, sondern sie sind die Summe jeder einzelnen Entscheidung, die wir in unseren Beziehungen treffen.

    Und wenn die Entscheidungen immer davon geprägt sind, Konflikte zu vermeiden, um die Harmonie zu wahren, dann entfernen wir uns von uns selbst und auch von unserer Beziehung. Denn ohne uns selbst nah zu sein können wir keine erfüllte Beziehung führen. Wir suchen dann vielmehr Halt beim Partner, suchen die verlorene Freiheit, bedauern manche Entscheidungen, und geben schlussendlich unserem Partner die Schuld für unser eigenes Versagen.

    In diesem täglichen Wirrwarr, der sich im Laufe der Beziehungsdynamik einstellt, extrahieren wir all diese Probleme in den Partner und wir übersehen, dass es unsere eigenen Entscheidungen waren, die uns in den Zustand der Leere und des Alleinseins geführt haben.

    Früher bedeutete Freiheit für mich, möglichst ungebunden und frei von Verpflichtungen zu sein. Es fühlte sich wie ein Kampf gegen Windmühlen an. Denn irgendwelche Fortschritte konnte ich nicht wirklich verzeichnen, wenn am Ende immer der Abbruch und das Beenden und ein „Zurück auf Anfang“ stand.

    Mittlerweile habe ich begriffen, dass Freiheit in dem Moment zwischen Impuls und Reaktion stattfindet bzw. zu finden ist. Ich habe das allermeiste im Leben nicht unter Kontrolle. Wenn Dinge auf mich einwirken (Impuls), dann gibt es eine Freiheit für mich, wie ich darauf reagieren möchte (Reaktion). Wie reagiere ich auf Anforderungen, Wünsche, Erwartungen? Ich kann versuchen, mein Umfeld größtmöglich glücklich zu machen, oder eben mich selbst. Solche Entscheidungen treffen wir unzählige Male am Tag. Und in diesen Entscheidungen liegt unsere Freiheit, die wir gerne ebenfalls extrahieren und im Außen suchen.

    Ich fühle mich unbeschwerter zu wissen, dass mir diese Freiheit niemand nehmen kann, außer ich selbst. Und es tut gut zu sehen, dass nicht immer alles Aufgebaute wieder eingerissen werden muss, um Freiheit zu fühlen. Was lange Zeit für mich nicht kombinierbar war, scheint nun möglich zu sein: Freiheit und Bindung, Freiheit und Verpflichtung, Freiheit und Konstanz.

    An meinem Grabstein soll nicht stehen, dass hier ein Mensch ruht, der immer vor der Verpflichtung und Verantwortung weggelaufen ist, um Freiheit zu bewahren. Dort soll stehen, dass dieser Mensch es gelernt hat (wenn auch spät), sich etwas aufzubauen, Beziehungen zu führen und darin Verantwortung zu übernehmen, und sich bei alldem frei fühlte.

    We are all searching for fulfilling relationships and partnerships. We all dream of a state of balance and of feeling truly seen. And then, at some point, everyday life sets in with all its conflicts, misunderstandings, unresolved baggage, automatic behaviours and assigned roles. Dynamics in relationships do not arise in a single day, but are the sum of every single decision we make in our relationships.

    And if our decisions are always driven by a desire to avoid conflict in order to preserve harmony, then we distance ourselves from our true selves and also from our relationship. For without being close to ourselves, we cannot have a fulfilling relationship. Instead, we seek support from our partner, search for our lost freedom, regret certain decisions, and ultimately blame our partner for our own failures.

    In this daily turmoil that arises as relationship dynamics unfold, we project all these problems onto our partner and overlook the fact that it was our own decisions that led us into this state of emptiness and loneliness.

    In the past, freedom meant to me being as unencumbered and free of obligations as possible. It felt like tilting at windmills. Because I couldn’t really make any progress if it always ended in giving up, stopping, and having to ‘start all over again’.

    I have now realised that freedom takes place – or is to be found – in the moment between impulse and reaction. I have no control over the vast majority of things in life. When things affect me (impulse), I have the freedom to choose how I wish to react (reaction). How do I react to demands, wishes and expectations? I can try to make those around me as happy as possible, or simply make myself happy. We make decisions like this countless times a day. And it is in these decisions that our freedom lies – the freedom we are also keen to extract and seek in the outside world.

    I feel more at ease knowing that no one can take this freedom away from me except myself. And it’s good to see that not everything we’ve built up has to be torn down again in order to feel free. What for a long time seemed impossible for me to reconcile now appears to be possible: freedom and commitment, freedom and obligation, freedom and constancy.

    My gravestone should not say that here lies a person who always ran away from duty and responsibility in order to preserve their freedom. It should say that this person learnt (albeit late in life) to build a life for themselves, to maintain relationships and to take responsibility within them, and that they felt free throughout it all.

  • Du darfst nicht sehen, dass ich klein bin

    You shall not see me being small

    24.03.2026

    In meinem Leben gibt es Menschen, die nicht sehen dürfen, wenn ich leide, wenn ich mich klein fühle, oder wenn ich insgesamt unglücklich bin.

    Was ich in solchen Situationen tue, ist wie ein Schauspiel. Ich zeige mich stark, selbstbewusst, und lege ein fröhliches Gesicht auf.

    Diese Personen kennen mich aber zu gut, als dass sie meine echten Gefühle nicht bereits anhand meiner zaghaften, unsicheren Stimme erkennen würden.

    Ich lese oft, dass richtige Begegnungen mit anderen Menschen uns gut tun und uns aus schwierigen Situationen helfen. Richtige Begegnungen meint: offen und transparent sein; seine wahren Gefühle beschreiben; sich nicht zu verstecken.

    Warum verstecke ich mich also? Scham mag da eine Rolle spielen. Ebenso mein Stolz. Ich mag es, wenn ich als stark und souverän wahrgenommen werde, und keine Angriffsflächen biete. Mich offen zu zeigen würde mich instabil fühlen lassen und ich würde die Kontrolle über die Situation abgeben. Es könnte mir passieren, dass derjenige, der mich als stark ansehen soll, seine unverschönte, harte Meinung sagt. Ich habe mit ehrlicher Meinung meine Probleme, eben weil es mir ein anderes Selbst von mir spiegelt, welches ich nicht sehen möchte. Wobei ich dabei auch gerne unterscheiden möchte, ob die ehrliche Meinung wohl gemeint ist oder ein Anlass, um mir zu schaden. Beides ist aus meiner Sicht möglich.

    Insofern bin ich in gewisser Weise von den Motiven meines Gegenübers abhängig. Ehrliche Meinungen über mich ertrage ich besser, wenn sie gut gemeint sind, als solche, die mir Schaden zufügen sollen.

    Bei den hier benannten Personen passiert es mir dann aber oft, dass ich Ihnen eine Schädigungsabsicht vorschnell unterstelle, obwohl sie es eigentlich gut mit mir meinen. Ich befürchte Spott, und verspottet zu werden, ist kein schönes Gefühl.

    Ich wäre gerne näher bei diesen Personen, würde mich gerne offener zeigen. Gut gemeinte Ratschläge würde ich gerne dankend annehmen und schlecht gemeinte Ratschläge würde ich gerne zurückweisen. So stelle ich mir meinen erwachsenen Umgang mit offener Meinung über mich vor.

    Interessant daran ist, dass in beiden Fällen die „Macht“, die ich zu verlieren drohe, weiterhin bei mir liegt. Ich bin frei darin, gut gemeinte Ratschläge zu beherzigen. Ebenso bin ich frei darin, die üblen Ratschläge mit Hintergedanken offen abzulehnen. Hierdurch zeige ich doch eigentlich wahre Souveränität, insbesondere weil ich das offene Gespräch nicht von vornherein vermeide.

    Epiktet rät uns, uns von vornherein auf den Spott und das Gelächter einzustellen. Wenn wir von einer Sache aber sehr überzeugt sind, so sollen wir daran festhalten, als seien wir von Gott von diesen Posten gestellt worden. Wenn wir uns treu bleiben, werden uns alle bewundern, die uns vorher ausgelacht haben. Weichen wir aber dem Druck des Spottes, so ernten wir doppelten Spott – Handbüchlein der Moral, Ziffer 22.

    Entscheidend ist also, wie sehr ich von meiner Auffassung überzeugt bin. Ein Ratschlag, ob gut oder schlecht gemeint, kann immer hilfreich sein, wenn ich unsicher bin. Wenn ich aber sicher bin, dann brauche ich eigentlich keinen Ratschlag mehr.

    There are people in my life who aren’t allowed to see when I’m suffering, when I feel small, or when I’m generally unhappy.

    What I do in such situations is like putting on a show. I present myself as strong and confident, and put on a cheerful face.

    But these people know me too well not to recognise my true feelings from my hesitant, uncertain voice.

    I often read that genuine encounters with other people do us good and help us out of difficult situations. Genuine encounters mean: being open and transparent; describing one’s true feelings; not hiding.

    So why do I hide myself? Shame may play a part in this. As does my pride. I like being perceived as strong and confident, and not leaving myself open to attack. Showing myself openly would make me feel unstable and I would relinquish control of the situation. It could happen that the person who is supposed to see me as strong might voice their unvarnished, harsh opinion. I have a problem with honest opinions, precisely because they reflect a different side of myself that I don’t want to see. That said, I also like to distinguish whether the honest opinion is well-meaning or an opportunity to hurt me. In my view, both are possible.

    In that sense, I am, in a way, dependent on the motives of the person I’m dealing with. I can cope better with honest opinions about myself if they are well-meaning than with those intended to hurt me.

    With the people mentioned here, however, I often find myself hastily assuming they mean me harm, even though they actually mean well. I fear ridicule, and being mocked is not a pleasant feeling.

    I would like to be closer to these people and would like to be more open with them. I would like to gratefully accept well-meaning advice and reject ill-intentioned advice. This is how I imagine my mature approach to dealing with open opinions about myself.

    What is interesting here is that in both cases, the ‘power’ that I risk losing remains with me. I am free to take well-meaning advice to heart. Likewise, I am free to openly reject ill-intentioned advice with ulterior motives. In doing so, I am actually demonstrating true sovereignty, particularly because I do not avoid open conversation from the outset.

    Epictetus advises us to brace ourselves for ridicule and laughter from the outset. But if we are deeply convinced of a matter, we should hold fast to it as though God had placed us in this position. If we remain true to ourselves, all those who previously laughed at us will come to admire us. But if we yield to the pressure of ridicule, we will reap double the ridicule – The Enchiridion, Section 22.

    What matters, then, is how firmly I believe in my own view. A piece of advice, whether well-meaning or not, can always be helpful when I am unsure. But if I am certain, then I no longer really need any advice.

  • Verantwortung

    responsibility

    23.03.2026

    Die Verantwortung für mein Leben habe ich bisher immer in fremde Hände gelegt. Ich habe Anweisungen befolgt, Erwartungen erfüllt und Grenzen akzeptiert. Ich tat es aus Bequemlichkeit und aus Mangel an Mut und Überzeugung, ich könne mein Leben vollends selbst in die Hand nehmen und zum Guten wenden. Es war irgendwie so einfach für mich, immer einen Sündenbock für mein persönliches Dilemma, meine Unzufriedenheit und meine Ängste zu finden. Es ist auch so vieles leichter, fremde Vorgaben zu erfüllen, weil sie klarer definiert sind und auch energischer vertreten wurden, als ich meine eigenen Vorgaben vertrat. Insofern war es auch ein Spiel, wonach der Lautere und Energischere gewinnt (nämlich die Anderen). Und wenn mir der eine Schoß nicht passte, in den ich mein Leben gelegt hatte, dann habe ich mir einen Anderen gesucht, der früher oder später auch nicht mehr passte.

    Die Folgen meines fremdbestimmten Lebens waren allerdings verheerend. Wer soll denn wirklich wissen, wonach ich strebe, außer ich selbst? Wer würde wirklich mein eigenes Leben lenken und dabei immer vorrangig mein persönliches Wohl im Blick haben und dabei sein Eigenes zurückstellen? Mir fällt hier nur die wohlwollende, eigene Mutter ein, allerdings auch nur in den Kindesjahren.

    Vielleicht hat es mir damals manchmal daran gefehlt. Vielleicht war meine Mutter nicht immer vorrangig auf mein Wohl aus, sondern auf das Eigene. Vielleicht habe ich nicht gelernt, dass mein Wohl das Wichtigste für mich ist. Vielleicht habe ich gelernt, dass es wichtiger ist, die Erwartungen Anderer zu erfüllen, anderen zu helfen, mich für sie aufzuopfern.

    Selbstverständlich war mir das schon immer irgendwie bewusst. Mir das Bild so ungeschönt vor Augen zu führen, schmerzt aber. Ebenso die Erkenntnis, dass ich mich mal wieder in einen (Ersatz-) Schoß gelegt habe, dessen Vorgaben und Erwartungen mir dann doch wieder nicht passten.

    Ich habe derzeit so etwas wie Lust und Vorfreude auf mich. Ich weiß aber auch, dass ich dafür mein Ohr disziplinieren muss, auf meine Bedürfnisse zu achten und fremde Erwartungen und Bitten fernzuhalten, zur Not auszuschlagen. Und hier ist der Punkt, der mir die meisten Probleme bereiten wird: ich muss aufhören, mich in den Schoß Anderer zu legen, weil ich das, was ich suche, dort nicht finden werde. Ich werde es bei mir selbst finden. Dies mag der deutlich unbequemere Weg sein, aber dann vielleicht auch der (einzig) Richtige.

    Up until now, I have always placed the responsibility for my life in the hands of others. I have followed instructions, met expectations and accepted boundaries. I did so out of convenience and a lack of courage and conviction that I could take full control of my life and turn it around for the better. Somehow, it was so easy for me to always find a scapegoat for my personal dilemma, my dissatisfaction and my fears. It is also so much easier to fulfil other people’s expectations, because they are more clearly defined and were also asserted more forcefully than I asserted my own. In that respect, it was also a game in which the louder and more forceful side wins (namely, the others). And if the lap I’d placed my life in didn’t suit me, I’d look for another one, which sooner or later wouldn’t suit me either.

    The consequences of my life being dictated by others, however, were devastating. Who, really, knows what I aspire to, apart from myself? Who would truly steer my own life, always prioritising my personal well-being and putting their own needs aside? The only person who springs to mind is my own, loving mother – though only during my childhood.

    Perhaps I sometimes missed that back then. Perhaps my mother wasn’t always primarily concerned with my well-being, but with her own. Perhaps I didn’t learn that my well-being is the most important thing for me. Perhaps I learnt that it is more important to fulfil the expectations of others, to help others, to sacrifice myself for them.

    Of course, I’ve always been vaguely aware of this. But seeing the reality laid bare like this is painful. As is the realisation that I’ve once again sought refuge in a (substitute) embrace whose rules and expectations, once again, didn’t suit me.

    At the moment, I feel something like a sense of anticipation and excitement about myself. But I also know that to achieve this, I must discipline myself to listen to my own needs and keep other people’s expectations and requests at bay, turning them down if necessary. And here is the point that will cause me the most trouble: I must stop seeking refuge in the laps of others, because I will not find what I am looking for there. I will find it within myself. This may well be the far less comfortable path, but perhaps also the (only) right one.

  • Wenn Kinder streiten

    When children argue

    20.03.2026

    Meine Partnerin und ich trinken morgens immer gemeinsam eine Tasse Kaffee und reden, bevor wir zur Arbeit gehen. Dies ist auch die Zeit, in der es bei uns mal zum Streit kommen kann, wahrscheinlich weil wir morgens beide unsere Ruhe brauchen. Gestern morgen kam es zum Streit und ich verlies die Wohnung und knallte die Tür. Es hing mir den ganzen Tag nach. Und auch heute morgen waren wir beide noch in Lauerstellung. Ich konnte dabei etwas beobachten. Ein falsches Wort von ihr, und mein Abwehrsystem springt an. Es beginnt eine Abwärtsspirale und die Fronten verhärten sich. Eigentlich hätte ich heute morgen zu ihr sagen wollen, dass ich mich auf das Wochenende mit ihr und gemeinsame Unternehmumgen freue. Dann bekam ich ein Wort von ihr in den falschen Hals, eine Geste passte mir nicht, und so sagte ich Dinge wie: „Am Wochenende verbringe ich etwas Zeit für mich“. Mir war das Gespräch zuviel, ich war im Fluchtmodus, und ich wollte sie bestrafen. Dabei hatte ich zuvor ganz anderes im Sinn.

    Ich frage mich, warum es manchmal so schwierg ist, in einer Partnerschaft offen und „verfügbar“ zu bleiben. Auch heute noch bin ich das trotzig, verletzte und flüchtende Kind, wenn es mal schwieriger wird. Gleiches kann ich an meiner Partnerin beobachten. Am Ende sitzen da zwei Kinder, die ihre alten Konflikte austragen. Und das ist sehr destruktiv, insbesondere wenn unterschiedliche Schutzmechanismen am Werk sind.

    Eine Paartherapie habe ich mehrfach angesprochen, aber es ist bisher immer im Sande verlaufen.

    Epiktet sagt: „Beleidigungen treffen dich nicht. Nicht wer dich beschimpft, verletzt dich, sondern nur deine Meinung, dass diese Leute dich verletzen. Wenn dich also jemand reizt, so wisse, dass es deine eigene Vorstellung ist, die dich gereizt hat“ – Handbüchlein der Moral, Ziffer 20.

    Und so ist es auch. Meine Partnerin möchte mich nicht verletzen, sie ficht eigentlich ihren eigenen Kampf. Und ich reagiere verletzt, weil mich in meiner kindlichen Vorstellung niemand verletzen darf und jedes falsche Wort von ihr auf mich verletzend wirkt (obwohl sie meistens gar nicht die Absicht hat, mir bewusst weh zu tun).

    Es ist mein altes Programm, was immer und immer wieder dieselben Bewertungen vornimmt: „Du musst Dich schützen, Du bist in Gefahr, Du musst fliehen„. Herrgott, wenn ich weiterhin so denke, dann ist eine Partnerschaft für mich doch leider nur eine Wiederholung von alten Mustern und Verletzungen. Dabei kann eine Partnerschaft doch sicherlich wundervoll sein, wenn beide diese alten Programme hinter sich lassen.

    Ich liebe meine Partnerin, sehr sogar. Und sicherlich ist die Gefahr, verletzt zu werden, deswegen besonders hoch für mich. Aber wenn ich immer meinem alten Programm Glauben schenke und mich destruktiv verhalte, dann gibt es irgendwann diese Partnerschaft nicht mehr und ich hätte etwas verloren, was mir mehr am Herzen liegt als alles Andere.

    Und auch hier greift ein altes Muster: die Verlustangst.

    Ich wünschte, in Konflikten könnte ich erwachsen sein.

    My partner and I always have a cup of coffee together in the morning and have a chat before we go to work. This is also the time when we sometimes end up arguing, probably because we both need our peace and quiet in the morning. Yesterday morning we had an argument and I left the flat, slamming the door behind me. It weighed on my mind all day. And even this morning, we were both still on edge. I noticed something. One wrong word from her, and my defences kick in. A downward spiral begins and the lines harden. Actually, I’d wanted to tell her this morning that I was looking forward to the weekend with her and doing things together. Then I took one of her words the wrong way, a gesture didn’t sit right with me, and so I said things like: ‘I’m going to spend some time on my own this weekend’. The conversation was too much for me; I was in escape mode, and I wanted to punish her. Yet I’d had something completely different in mind beforehand.

    I wonder why it’s sometimes so difficult to remain open and ‘accessible’ in a relationship. Even now, when things get tough, I’m still that defiant, hurt and retreating child. I can see the same thing in my partner. In the end, there are two children sitting there, re-enacting their old conflicts. And that’s very destructive, especially when different defence mechanisms are at play.

    I have brought up couples therapy several times, but so far it has always come to nothing.

    Epictetus says: “Insults do not affect you. It is not the person who insults you who hurts you, but only your belief that these people are hurting you. So if someone provokes you, know that it is your own perception that has provoked you” – Enchiridion, section 20.

    And that’s exactly how it is. My partner doesn’t want to hurt me; she’s actually fighting her own battle. And I react as if I’ve been hurt because, in my childish mind, nobody is allowed to hurt me, and every wrong word she utters feels hurtful to me (even though she usually has no intention of deliberately hurting me).

    It’s my old mindset that keeps making the same judgements over and over again: “You must protect yourself, you’re in danger, you must flee.” Goodness, if I carry on thinking like this, then a relationship is, sadly, just a repetition of old patterns and hurts for me. Yet a relationship can surely be wonderful if both of us leave these old patterns behind.

    I love my partner, very much indeed. And surely that’s why the risk of being hurt is particularly high for me. But if I always give credence to my old programming and behave destructively, then at some point this relationship will no longer exist and I will have lost something that is dearer to me than anything else.

    And here, too, an old pattern comes into play: the fear of loss.

    I wish I could be mature in conflicts.

  • Idealisierung braucht Resonanz

    Idealisation needs resonance

    19.03.2026

    Als Kind habe hatte ich häufig Tagträume, in denen ich mir vorstellte, ich wäre besonders. Wenn ich z.B. für mich allein Körbe warf (Basketball), dann stellte ich mir dabei vor, ich wäre erwachsen und würde in einem Spiel gegen Fremde als „Underdog“ starten und dann wie durch eine Initialzünding alle Spieler und Zuschauer begeistern von meinen Fähigkeiten. Jeder Dreier ein Treffer, spektakuläre Dribblings, tobende und applaudierende Menschen, Anerkennung.

    Heute mache ich das immer noch. Ich träume von großem Erfolg und von Anerkennung. Aber ich idealisiere auch andere Personen, meine Partnerin zum Beispiel. Ich habe sie lange Zeit auf einen Tron gestellt, weil sie so klug und für mich beeindruckend ist. Es gab Zeiten, da hätte ich alles für sie gemacht. An meinen Gefühlen zu ihr hat sich seitdem nichts verändert, aber ich musste irgendwann diesen Tron, den ich selbst erstellt hatte, niederreißen.

    Diese Vorgänge von Idealisierung und Entwertung passieren losgelöst von unserem inneren Kern. Es besteht keine wirklich Resonanz zu uns selbst. Wenn ich davon träume, mit einer noch unentdeckten Begabung viele Leute zu begeistern, dann schaue ich innerlich eigentlich über eine Leere bzw. einen blinden Fleck hinweg, dem ich mich eigentlich mit aller Aufmerksamkeit widmen sollte. Der blinde Fleck ist so ewtas wie ein im Stich gelassenes Stück selbst von mir. Es ist das „innere Kind“, dass sich nicht gewertschätz und gesehen fühlt, und es träumt deswegen vor sich hin, um den erlittenen Schmerz nicht mehr zu spüren. Die erträumte Anerkennung von Außen soll diesen Schmerz ausgleichen, ohne dazu in richtiger Resonanz zu stehen.

    Resonanz bedeutet in dem Fall, dass ich diese unangenehmen, kindlichen und verdrängten Gefühle von damals zulasse und lerne, mit ihnen umzugehen. Ich muss ihnen Raum geben, ohne darunter zu leiden. So können sie ein Teil meiner Gesamtheit werden. Wenn das gelingt, dann braucht das „innere Kind“ nicht träumen und brauche ich keine Idealisierung (und Abwertung) mehr.

    Heute stelle ich mir oft vor, ich stünde als Vater neben meinem jungen Ich, das Körbe wirft und von Anerkennung träumt. Und der kleine Junge träumt nicht mehr, sondern er will nur noch die Anerkennung von seinem Vater. Nicht für die tollen Würfe, sondern einfach so, weil er so ist, wie er ist. In solchen Momenten spüre ich Resonanz und der kleine Junge für diesen Moment alles, was er braucht.

    Wie geht Ihr mit Idealisierung um?

    As a child, I often daydreamed that I was special. For example, when I was practising shooting hoops on my own (basketball), I’d imagine I was an adult, starting as the ‘underdog’ in a match against strangers, and then, as if by magic, wowing all the players and spectators with my skills. Every three-pointer a success, spectacular dribbling, people cheering and applauding, recognition.

    I still do that today. I dream of great success and recognition. But I also idealise other people, my partner for example. For a long time, I put her on a pedestal because she is so clever and impressive to me. There were times when I would have done anything for her. My feelings for her haven’t changed since then, but at some point I had to tear down that pedestal I had built myself.

    These processes of idealisation and devaluation occur in isolation from our inner core. There is no real connection to our true selves. When I dream of inspiring many people with a talent I have yet to discover, I am actually looking past an inner void – or a blind spot – to which I should really be devoting my full attention. This blind spot is something like a part of myself that has been abandoned. It is the ‘inner child’ that does not feel valued or seen, and so it drifts off into daydreams to avoid feeling the pain it has suffered. The imagined external recognition is meant to compensate for this pain, without truly resonating with it.

    In this case, resonance means that I allow these unpleasant, childlike and repressed feelings from back then to surface and learn to deal with them. I must give them space without suffering as a result. In this way, they can become part of my wholeness. If this succeeds, then the ‘inner child’ no longer needs to dream, and I no longer need idealisation (or devaluation).

    Today, I often imagine myself standing as a father beside my younger self, who is shooting hoops and dreaming of recognition. And the little boy is no longer dreaming; he simply wants his father’s recognition. Not for the great shots, but simply because he is who he is. In moments like these, I feel a resonance, and the little boy has everything he needs for that moment.

    How do you deal with idealisation?