Kategorie: Allgemein

  • Macht

    26.02.2026

    Ich habe einen Klienten, der mich fragte, ob ich mir eine engere Zusammenarbeit mit ihm vorstellen könne (was micht natürlich freute). Die Frage kam, nachdem er mich über Wochen in Arbeiten eingespannt hatte, die effektiv im Sande verliefen und ich sie (selbstverständlich) dennoch abgerechnet hatte. Auf meine Frage hin, wie diese Zusammenarbeit aussehen solle, skizzierte er mir seine Vorstellung, dass ich als eine Art Angestellter bzw. Weisungsgebundener für ihn tätig sein solle. Ich solle dabei keine Sorge haben, „von ihm geknebelt zu werden„, allerdings müsse ich bereit sein, für ihn viel unterwegs zu sein. Ein Gefühl von Bitterkeit und Enge machte sich in mir breit:

    Der Klient wollte nicht nur Kosten sparen und mich deswegen in seine Organisation rechtlich einbinden, er suchte Macht über mich. Ich dachte hierüber länger nach und musste mir eingestehen, ihm die kleinerenn ersten Machtdemonstrationen vor diese Anfrage bereitwillig überlassen zu haben. Das begann mit Kommunikation via WhatsApp, was ich im beruflichen Kontext eigentlich vermeide, bis hin zur Frage an ihn, ob ich krank an einem auswertigen Termin mit ihm teilnehmen solle. In alltäglichen Babyschritten habe ich ihm mehr und mehr Einfluss und Macht bereitwillig eingeräumt und nun sah ich mich mit dieser Anfrage konfrontiert.

    Sich „lieb Freund“ zu machen, Anerkennung zu suchen und dabei Autonomie einzubüßen, ist beruflich wie privat ein zunächst bequemer Weg, der aber teuer wird. Menschen suchen, bewusst oder unbewusst, nach Macht über Mitmenschen und dessen muss man sich bewusst sein; vollkommen gleichgültig ob in der Partnerschaft, in der Familie oder Freundschaft oder im Job.

    Ich habe über dieses „Phänomen“ weiter nachgedacht und mir wird bewusst, dass ich in vielen Beziehungen Macht über mich hergegeben habe. Und ich konnte erkennen, dass mein eigenes Verhalten ursächlich dafür ist. Ich biete die Macht bereitwillig an. Ich setze keine frühen, klaren Grenzen, so sie gesetzt werden müssten. Und ich habe den Hang, mich in eine abhängige, untergeordnete Position zu begeben (auch wenn mein äußerliches Verhalten oftmals kein Anzeichen dafür bietet und meine Mitmenschen mich als souverän und selbstbewusst empfinden). Kurzum: ich bin ein lieber, netter Kerl und es gibt Menschen, die sich meine „Schwäche“ zu Nutze machen wollen.

    Ich erinnerte mich an eine Aussage meines Coaches, dessen Arbeit auf philosophischen Grundgedanken beruht. Er sagte mir, dass andere Menschen sich meine Offenheit, Authenzität und Hilfe „verdienen“ müssen. „Verdient“ meint, dass die Mitmenschen selbst (bestmöglich) nach den Kardinalstugenden von Platon – (Weisheit (sophia): Vernunft; Tapferkeit (andreia): Mut; Mäßigung (sophrosyne): Selbstbeherrschung und Gerechtigkeit (dikaiosyne): Das harmonische Zusammenspiel der Teile) – handeln. Wenn dies gewährleistet ist, erst dann soll ich meine Wesenszüge offenlegen. Sollte das Gegenüber aber nach den von Platon beschriebenen Lastern handeln, diese sind:

    • Unwissenheit (Ignoranz): Nach Platon (und Sokrates) ist das Laster primär Unwissenheit. Wer das Gute wirklich kennt, handelt auch gut. Böses Handeln entsteht, weil Menschen fälschlicherweise glauben, etwas Schlechtes sei gut für sie;
    • Pleonexia (Habgier/Maßlosigkeit): Das Streben nach „mehr als seinem Anteil“, besonders bei Gütern, Macht und Vergnügen. Dies ist die Wurzel von Ungerechtigkeit;
    • Störung der Seelenteile: Die Seele besteht laut Platon aus Vernunft, Mut und Begierde. Ein Laster entsteht, wenn die Begierde (Appetite) oder der Zornmut (Spiritedness) die Vernunft beherrschen, anstatt von ihr gelenkt zu werden;
    • Tyrannei des Selbst: Das schlimmste Laster ist der Zustand, in dem ein Mensch von seinen niedrigsten Begierden versklavt wird. Ein solcher Mensch (der tyrannische Mensch) ist der unglücklichste;
    • Ungerechtigkeit (Adikia): Sie wird als innere Disharmonie betrachtet, die den Menschen davon abhält, seine Funktion (ein vernunftgeleitetes Leben) gut zu erfüllen;

    dann soll ich das „Spiel“ allenfalls mitspielen und zum eigenen Schutz innerlich auf Distanz bleiben bzw. die Beziehung beenden.

    Dieser Gedanke mag beim ersten Lesen kaum greifbar sein und muss über ihn und seine Konsequenzen, sollte man ihn befolgen, in Ruhe nachgedacht werden. Mich hat der Rat zunächst erschlagen und ich hatte ihn Beiseite gelegt. Ehrlich gesagt hatte ich mich vor ihm auch gefürchtet, weil er meine Rollenbilder erheblich in Frage stellt. So viel Selbstbezug und Selbst(be)achtung wollte ich mir nicht zutrauen und schien mir mein Leben damit kompliziert und wahrscheinlich auch einsamer. Die Erkenntnis könnte sich aufdrängen, dass nur ganz wenige Menschen ernstllich nach diesen Tugenden leben und, sollte ich mich ihnen – für mein Seelenfrieden – anschließen, ich mich voraussichtlich freier, aber auch allein fühlen werde.

    Kurzum: für einen Nice Guy, wie ich es bin, bedeutet diese Ansicht eine radikale Abkehr von people pleasing, Haromie und Abhängigkeit. Anstelle meines Strebens, „permanent im außen zu sein“, soll ich nun (glas-) klare Linien ziehen, mich und meine Mitmenschen danach bewerten und Konsequenzen folgen lassen.

    Zurück zu meinem Klienten:

    Mein Klient ist habgierig (das wusste ich vorher schon), und er sucht ständig nach Mitteln und Wegen, um sich zu monetär zu bereichern und Macht über andere Menschen auszuüben. Und mein Klient hatte sich das Ziel gesetzt, mich auszunutzen.

    Was ist die Folge?

    Ich erinnerte mich an meinen beruflichen Werdegang und den teilweise sehr beschwerlichen Weg bis zur Selbstständigkeit (was nicht zwingend Autonomie gewährleistet). Ich müsste von allen guten Geistern verlassen sein, mich (wieder) freiwillig vor den Fuhrkarren – diesmal des die Peitsche schwingenden Klienten – zu spannen (auch wenn eine gute Bezahlung lockte).

    Meine an den Klienten gerichtete E-Mail (Entwurf) war zunächst als höfliche Absage verfasst unter Beteuerung, an einer weiteren Zusammenarbeit (wie bisher) interessiert zu sein. Ich las den Entwurf mehrfach uns mir wurde klar: so fühlt sich Selbstbehauptung nicht an, so fühlt sich allenfalls Sabotage und Abhängigkeit an. Warum so höflich und so klein, wenn am anderen Ende jemand sitzt, der mich eigentlich verarschen will? Durchatmen! Mut sammeln!

    Sehr geehrte/r [o],

    vielen Dank für Ihr Angebot zur Vertiefung der gemeinsamen Zusammenarbeit. Ich bin mit meiner derzeitigen beruflichen Situation sehr zufrieden und suche keine Veränderungen.

    Mit freundlichen Grüßen“

  • Männerwelten

    27.02.2026

    Wann ist der Mann ein Mann? Diese Frage drängte sich mir auf, als die Männerclique, zu der ich Anschluss fand, eine Art „Wettbewerb“ in turnusmäßigen Abständen ins Leben rief mit der Absicht, sich in puncto männliche Leistungsfähigkeiten zu messen. Es geht dabei nicht Hochleistungssport, wie es bei den antiken Olympioniken der Fall war, oder um intellektuelles Hochreck. Zu den Kampfarenen wurden Bowlingbahnen, Dartscheiben und Billardtische bestimmt. Es gibt ein strenges Punktesystem, aus dem ein endgültiger Gewinner hervorgeht. Das klingt nach netten Männerabenden mit offiziellem Anstrich.

    Einerseits freute ich mich auf diese Abende mit den „Jungs“, denn wenn die Leistung im Vordergrund steht, dann bedarf es keiner Gesprächsthemen (die in den bisherigen Treffen für mich manchmal schwierig waren bzw. ich keinen richtigen Einstieg finden konnte, insbesondere weil Themen gar nicht besprochen oder diskutiert, sondern „angeworfen“ wurden). So versprach ich mir eine gewisse Lockerheit und Leichtfüßigkeit von diesen Veranstaltungen. Auch nahm ich an, dass der Spaß im Vordergrund stehen wird, schließlich dürfte man die Wettkampf-Stationen allesamt als sinnleer und als ironische Form eines echten Wettkampfes bewerten.

    Unbehagen bereitete mir von vornherein, dass ich gar nicht zu diesen „klassischen“ Männern gehöre, die sich bei jeder Gelegenheit und aus Freude an der Sache (be)wetteifern wollen/müssen. Ehrlich gesagt habe ich ein recht sonderbares Verhältnis zu dieser Form der Männlichkeit. Ich kann gewinnen und verlieren. Ich kann mich behaupten und zur Not auch mal „unter der Gürtellinie“ agieren. Ich bin als Typ „Mann“ aber eher derjenige, der den anderen für seine Leistungen beglückwünscht und immer fair ist bzw. sein möchte. Ich bringe da etwas sehr Ausgleichendes und Harmonierendes mit. Ein echter Nice Guy eben!

    Und so sagte mir eine innere Stimme, dass Gefahr droht, als softer Nice Guy in diesem Wettbewerb enttarnt und gedemütigt und zerrissen zu werden wie eine scheue Antilope, die von Löwen umzingelt ist. Mir fehlt diese Art der Männlichkeit, die eigensinnig bzw. egoistisch ist, sich selbst in den Vordergrund hebt, Forderungen und Ansprüche stellt, sich durchsetzt und Konflikte sucht zur eigenen Selbstaufwertung. Mit anderen Worten: als Spaß verkleidete Messungen der Männlichkeit bedrohen meine Eigene.

    Es kam wie es kommen musste. Der Spaß war offiziell anwesend, indes der Leistungs- und Gewinnanspruch der Beteiligten (sehr) hoch und Misstöne und -launen gesellten sich schnell zu uns Bowling-Olympioniken: „Ich kann doch nicht Letzter sein, dafür bin ich viel zu gut“. Oder: „ich hätte von vornherein die Technik anwenden sollen, die ich am Besten kann. Jetzt läuft es endlich besser“. Meine eigene, teilnehmende Unsicherheit bemühte ich mit Bier zu besänftigten, was zwar half, aber meine Leistungsperformance nachhaltig verschlechterte. Auch ich war genervt, denn ich hatte mich auf eine Niederlage zwar eingestellt, wollte aber nicht „haushoch“ verlieren und mir die Blöße als „Weichei“ geben. Klingt das nicht nach Spaß?!

    Ich für meinen Teil erkennen folgende Probleme in dieser Situation:

    1. Erwartungen

    Was hatte ich erwartet? Für mich sollten die kämpferischen Abende ein Mittel sein, um „anderen“ Kontakt zu den „Jungs“ zu bekommen und über das gemeinsame Empfinden von „Spaß“ auch einen größeren gemeinsamen Nenner, also eine Verbesserung unserer Beziehung. Ich hätte mir dabei aber denken können, dass das Gesellschaftliche in den Hintergrund treten und der Ansporn dominieren wird. Ich bin also von falschen Vorstellungen ausgegangen (obwohl ich gewarnt wurde).

    Wenn du irgend etwas unternehmen willst, so mach dir klar, welche Art das Unternehmen ist. Wenn du z.B. baden gehst, so stell dir vor, wie es in einer Badeanstalt zugeht, wie sie mit Wasser spritzen, einander anrempeln, beschimpfen und bestehlen. So wirst du dich mit größerer Sicherheit an die Unternehmung machen […]“ – Epiktet – Handbüchlein der Moral, Ziffer 4.

    Ich hätte mir also im Vorfeld ausmalen sollen, wie es bei solchen Abenden zu hitzigen Streiterein, Druck und Konflikten kommen wird und wie sich die erhöhten Testosteron-Spiegel durch selbstmotivierende Kampfansagen entladen. Dies hätte, wenn ich ehrlich bin, sehr nahe gelegen zu tun. Dann hätte ich entscheiden können, ob ich Teil einer solchen Spaß-Kampf-Druck-Veranstaltung sein möchte und ob für mich selbst dann noch das Gesellschaftliche im Vordergrund steht. Kurzum: ich wäre – stoistisch richtig – vom „schlimmsten“ Fall ausgegangen um mich frei von Erwartungen zu machen, die nicht meiner eigenen Kontrolle unterliegen.

    2. Sinn und Unsinn

    Welcher Sinn liegt in der Teilnahme an diesen „freundschaftlichen“ Wettkämpfen (für mich)? Die Anwort auf diese Frage ist schwierig. Es geht mir um meine eigene Akzeptanz in dieser konkreten Gruppe (die mir nach meinen eigenen Eindrücken bisher fehlte). Die Akzeptanz würde vielleicht schon durch die Teilnahme, sodann aber durch ggf. achtbare Erfolge und den draus gewonnenen Respekt begründet werden, so nach meiner Vorstellung. Also habe ich mir eine Unternehmung „aufgehalst„, bei der ich Akzeptanz durch Erfolg und aktive Teilnahme suchte. Wenn ich mich also „gut“ oder „sehr gut“ schlagen würde (ohne aber zu gut zu sein, was mich wieder ausgrenzte), dann erfahre ich Akzeptanz, während sie ausbleibt, wenn nicht performe (oder auch nicht mehr für die beiden „Absacker„-Biere nach dem Kräftemessen mehr bleibe).

    Solltest Du jemals deinen Willen auf etwas richten, dass nicht in deiner Macht steht, um jemand anderen zu beeindrucken, dann sei versichert, dass du damit den Sinn deines Lebens zunichte machst. Sei also zufrieden damit, in allem, was du tust, ein Philosoph zu sein und wenn du auch als ein solcher angesehen werden möchtest, dann beweise erst dir selbst, dass du einer bist, und du wirst erfolgreich sein“ – Epiktet – Enchridion, 23.

    Hier nun wieder die Stoiker: ob ich von den Anderen mit oder ohne Erfolge in der Gruppe akzeptiert werde, liegt nicht in meiner Gewalt. Und deswegen soll ich auch nicht meine Hoffnungen darauf setzen. Erst recht soll ich mir keine Ziele setzen, um damit andere zu beeindrucken.

    Außerdem stellt sich Frage nach der objektiven Sinnhaftigkeit einer solchen Beschäftigung. Wettkämpfe mögen zur Stärkung des Selbstbildes und zur Selbstbehauptung hilfreich sein – aber in Kneipen, bei unsinnigen Beschäftigungen? Seien wir ehrlich, es ist ein Wettkampf und dann sollte er auch als solcher kommuniziert und auch umgesetzt werden. Ob dann Darten, Billard und Bowling sinnvolle Beschäftigungen zum Kräftemessen sind, bleibt in der Beurteilung jedem selbst überlassen.

    Ich muss mich abschließend dazu entscheiden, in solchen Veranstaltungen, wenn ich sie denn weiterhin begleite, keine Akzeptanz suche und keinen Eindruck zu hinterlassen beabsichtige.

    3. Gelebte Männlichkeit

    Robert A. Glover empfiehlt in seinem lesenswerten Buch „Nie mehr Mr Nice Guy„, dass das Nice Guy Syndrom insbesondere durch das Suchen und Finden von Beziehungen und Freunschaften zu anderen Männern gelöst wird und dort richtige Männerdinge zu tun. Unter diesem Gesichtspunkt dürfte das turnusmäßige Kräftemessen, sei es nun sinniger oder unsinniger Art, ein passender Weg für das (Er-) Leben meiner eigenen Männlichkeit sein, wenn Testosteron in der Luft liegt und andere Dinge als Einfühlungsvermögen und Resonanz zählen.

    Und so komme ich zu dem Entschluss, dieser Männerrunde weiter beizuwohnen, einfach um (robustere) Männlichkeit zu erfahren. An manchen Stellen mag es mir unsinnig vorkommen, aber dies ist eben ein Teil dieser Männlichkeit, die ich zu akzeptieren habe. In diesem Zuge habe ich auch zu akzeptieren, dort nicht nach Anerkennung zu streben. Ich begleite die Gruppe des Mannseins wegen und versuche es, alle Farben zu genießen. Und vor dem nächsten Treffen stelle ich mir den Abend in seiner schlimmsten Art vor, um gewappnet zu sein. Mein Dank an Epiktet!

  • Meine tägliche Wut

    25.02.2026

    Mit meiner Wut ist es wie eine kleine Nussschale auf hoher, stürmischer See. Ich habe keine Kontrolle über sie und sie kann mich mitunter in Stücke reißen. Meine Umwelt erfährt davon recht wenig, oftmals ein tiefes Schweigen oder eine passive Gereiztheit. Während es mir kocht und ich diese Energie mit Kräften versuche runterzudrücken oder einzufangen, verstarre ich im Außen in Lähmung.

    Wer kennt es nicht: ungewünschte Besuche, nervende Kollegen, Wünsche und Bitten von allen Seiten, Unverständnis, Diskussionen und Streit. Der innerliche Kompass schreit: NEIN, NEIN, NEIN. Aber der Mund sagt: na gut, ok, einverstanden, tut mir ja nicht so weh. Daily Business eines Nice Guys.

    Was entsteht und in mir bleibt und dort wuchert, ist unverarbeitete Wut. Zu gerne würde ich explodiren, die Kontrolle und Fassung verlieren und mich voll und ganz der Zerstörung hingeben. Warum tue ich es nicht einfach? Warum setze ich Unmengen an Gegenenergie ein, um diese (Ausgangs-) Energie zu bändigen? Wut ist unschön. Sie scheint wie eine Form der Schwäche und der fehlenden Selbstbeherrschung. Und sie passt so gar nicht zu dem inneren Drang, gefallen zu wollen. Wut gefällt nicht, sie schmeichelt nicht, nacht es nicht recht und sie ist erst recht nicht harmonisch und balancierend. Sie ist kein Sonnyboy.

    Und nun? Wie gehe ich mit diesem Energievulkan um, ohne mich selbst ins Abseits zu stellen? Zu Hause wurde Wut entweder gar nicht gelebt (Mutter) oder ungefiltert rausgelassen (Vater). Ich habe nicht gelernt, einen vernünftigen Weg im Umgang mit ihr zu finden. Mir fehlen Vorbilder und Vorstellungen.

    Epiktet begegnet der Wut mit Gleichmut:

    „Bei allem, was dir widerfährt, denke daran, dich dir selbst zuzuwenden und zu untersuchen, welche Kraft du hast, dich ihm auseinanderzusetzen. Wenn du ein schönes Mädchen erblickst, so wirst du als Gegenkraft die Selbstberrschung in dir finden; mutet man dir eine schwere Strapaze zu, so wirst du Ausdauer, beleidigt man dich, Gleichmut finden. Wenn du dich daran gewöhnt hast, werden dich die Eindrücke und (falschen) Vorstellungen nicht mehr hinreißen“ – Handbüchlein der Moral, Ziffer 10 – Gegenkräfte in dir.

    Was auch immer meine Wut erzeugt, sie ist mein selbst geschaffenes Erzeugnis und ich verfüge auch über die Gegenkräfte in mir. Wir sind im ersten Reflex auf die „Quelle“ unserer Wut wütend: auf den Partner, den Freund, die Eltern, die Geschwister und Arbeitskollegen. Aber können sie uns wirklich wütend machen? Haben sie die Macht dazu, uns wütend zu machen? Vielleicht geben wir ihnen – aus Gründen der Bequemlichkeit und frewilligen Abhängigkeit – diese Macht über uns.

    Was wäre, wenn ich die Macht über meine Wut habe und sie als Kompass anerkenne? Ich erzeuge die Wut in mir und ich habe auch die Gegenkraft in mir: den Gleichmut. Wut soll leiten, nicht zerstören. Wir sollten sie weder runterschlucken noch ungefiltert rauslassen. Wir sollen sie akzeptieren und uns erinnern, dass wir ihr etwas Kräftigeres entgegenstellen können.

    Meine Reflexion für heute: sobald mich wieder jemand nervt und ich mich ungerecht behandelt, ungesehen oder leer fühle, erzeuge ich Wut. Ihr kann ich mit Gleichmut begegnen. „Da habe ich mal wieder jemanden Macht über mich gegeben, weil ich mich nicht abgrenzen wollte. Ich erzeuge die Wut und ich trage sie und atme sie raus. Ich habe Kontrolle über meine Wut.“

  • Salve!

    Meine erste (ganz) persönliche Blogging-Reise beginnt hier. Sie soll mir als Spiegel und Kanal dienen bei meinem dringlichen Wunsch, mich seelisch-geistig-moralisch dorthin zu entwickeln, wo ich (deutlich mehr) im Einklang mit mir und meiner Umwelt stehe.

    Ich bin ein typischer Nice Guy. Treffsicher habe ich mir einen Weg für meine Selbstentwicklung gewählt, der voll im Zeitgeist liegt: Stoizismus ist in aller Munde, en vogue, hip, die Lösung aller Probleme in der heutigen, überladenen, stressigen, lauten Zeit. Was im Zeigeist liegt, kann nicht falsch sein und erzeugt allgemeine Anerkennung. Vortreffliche Voraussetzungen also dafür, dass ich mich auf vermeintlich sicherem Terrain bewege.

    Ein wichtiges Anliegen möchte ich gerne vorweggreifen: so ehrenwert mein Outing als Nice Guy und die Verbindung mit einem philosophischen Anker (Stoa) auch sein mag, soll meine Auseinandersetzung mit mir selbst als Versuch einer kritischen, reflektierten, langen Reise und Ansatz meiner erhofften Selbstenwicklung verstanden werden, die weder Gewähr für Erfolg oder Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte leistet, noch zu gefallen versucht. Ich versuche Ehrlichkeit und Resonanz in mir zu finden, nachdem ich im Begriff bin, zu resignieren – an der heutigen Zeit, an der Schnelligkeit des Lebens an sich, an dem Chaos meines eigenen Lebens, an meinen Ängsten, meiner oftmals verspürten Leere und meinen Rollen – und Rollenbildern.

    Auf der Suche nach Antworten mittels Stoizismus begehe ich bereits den ersten schweren Fehler, den ich für den Zweck meines Blogs in Kauf nehmen muss. Wenn es mir allein um meine persönliche Entwicklung ginge, so sollte ich denken und schweigen. Ich sollte mich in meiner eigenen Welt üben, und nicht allzuviel darüber sprechen (bzw. schreiben). Insgesamt ist der Stoiker ein eher schweigsamer, mit sich befasster Mensch. Da ich aber die Erfahrung von geteilter Selbstreflexion machen möchte, bleibt dieser Blog – als Mittelsweg – eine „Einbahnstraße“ von mir nach außen.