02.03.2026
Meine persönliche Freiheit war stets mein höchstes Gut und habe ich belastende Beziehungen beendet, wenn ich mich eingeengt fühlte und ein Leidensdruck entstand. Mittlerweile habe ich verstanden, dass meine Beziehungen grundsätzlich nach demselben Muster ablaufen: ich versuche zu gefallen, ich tue viel bis alles für den Anderen und vermeide es konsequent, Grenzen für mich zu setzen. Zu diesem Zeitpunkt kann ich vor dem inneren Auge bereits erkennen, dass die Beziehung ins Ungleichgewicht gerät und die Abwärtsfahrt beginnt. Allmählich schleicht sich Unzufriedenheit und Enge bei mir ein. Ich stelle fest, dass ich meine Freiräume bereitwillig hergegeben habe und sie schmerzlich vermisse. Ich beginne mich zu beschweren und wütend zu werden, zunächst im inneren Dialog, dann mit steigendem Leidensdruck auch extern. Meine Wut über den Freiheitsverlust versuche ich zu regulieren, vorrangig durch innerliche Distanz und durch passives Schweigen. Dieser „Schutzmechanismus“ entwickelt sich dann als nicht förderlich bzw. gibt er mir nicht meine dringend benötige Freiheit zurück. Im Gegenteil, mein Gegenspieler zum Freiheitsbedürfnis, mein Harmoniebedürfnis, beginnt sich zu melden, nachdem ich Streite vom Zaun breche. Es entsteht ein wirrer Tanz in Form einer Abwärtsspirale für meine Beziehung und für mein Nervensystem, zu der es dann – nachdem die Fronten sich verhärtet haben, ich mich sowohl unfrei als auch ungesehen und unter Druck und missverstanden fühle – nur ein Ausweg gibt: Trennung und Neuanfang; immer und immer wieder.
Mein Beziehungsmuster ist auf Zerstörung und Scheitern ausgelegt und vermeide ich natürliche Nähe, noch bevor sie aufkommt. Nähe fühlt sich erdrückend, verpflichtend, erschlagend, feindlich für mich an. Ihr begegne ein ums andere mal mit Wut und Agression, Angst und Flucht. Was letztlich übrig bleibt sind Verletzungen, bei mir und beim Gegenüber.
In der Psychologie existiert der Begriff des „Inneren Kindes“, eine Art bildliche Vorstellung von meinen eigenen kindlichen Erfahrungen, Gefühlen und Bedürfnissen. Die nicht von mir gelebten, verletzten Anteile werden auch als „Schattenkind“, also der verborgene Anteil in mir, bezeichnet (in Abgrenzung zum „Sonnenkind“, der Ausdruck für meine heute Neugier, positive Lebenseinstellung und meine Kreativität ist).
Aus meinen Therapiesitzungen weiß ich, dass mein „Schattenkind“ (bzw. ich in Form dieser Persönlichkeitsanteile) für meine destruktive Beziehungsführung verantwortlich ist und mein Vermeidungsverhalten in Beziehungen als „Schutzmechanismus“ definiert werden. Ursächlich dafür sind meine kindlichen Erfahrungen insbesondere in Beziehung zu meinen Eltern, zu meiner Schwester und anderen Bezugspersonen.
Wenn ich mir mein heutiges Verhalten in Beziehungen anschaue, dann muss mein „Inneres Kind“ ein fürchterlich einsames, ängstliches und zurückgewiesenes Kind sein. Es kann Nähe nicht richtig halten und ertragen, aus Angst vor Vereinnahmung. Es kann nicht laut werden und seine Bedürfnisse formulieren und durchsetzen, aus Angst, verlassen zu werden. Und es kann nicht verzeihen, wahrscheinlich weil der Schmerz sehr tief sitzt und ihm auch oftmals nicht verziehen wurde.
So richtig weiß ich noch nicht, was ich mit dem Wissen anfangen soll. Es wirkt überfordernd und konstruiert. Andererseits möchte ich endlich ankommen, bei meiner lieben Frau, die ich mir Jahre auf Distanz gehalten habe und die den Teufelskreis mit mir durchlaufen ist.
Was bleibt ist ein Gefühl von Ungerechtigkeit und Selbstmitleid. Wieso ich, warum musste es für mich damals so schwierig sein? Hab ich da nicht schon genug gelitten, dass ich heute immer noch die Wunden zu verarzten habe? Was für ein Dämon möchte mich bestrafen mit dem, was sich bei mir als „Erwachsener“ täglich abspielt?
Ich suche Hoffnung und Trost bei Epiktet. Dem sind Selbstmitleid und Leid aus der Vergangenheit aber fremd (weil nach ihm das Vergangene nicht zählt und wir für all unsere Einstellungen im hier und jetzt selbst verantwortlich sind). Eine Botschaft nehme ich aber mit:
„Duldsamkeit – auch wenn es dich trifft
Die Stimme der Vernunft können wir in unzweifelhaften Dingen deutlich vernehmen. Wenn z. B. der Knabe eines andern ein Gefäß zerbrach, so sagt sich jeder sogleich: »Das ist nichts Ungewöhnliches.« Benimm dich also ebenso, wenn das deinige zerbricht, wie du dich verhieltest, als das des andern zerbrach. Wende dies auf größere Dinge an. Das Kind oder Weib eines andern starb; jedermann sagt: »das ist Menschenlos.« Ist aber jemandem eines der seinen gestorben, so wird geklagt: »O weh, ich Unglücklicher!« Wir sollten uns aber erinnern, mit welchen Gefühlen wir das nämliche bei andern aufnahmen.“
Erzählte ein Freund mir meine eigene Geschichte als seine, so würde ich Mitleid für seine Erfahrungen als Kind und dafür empfinden, dass er heute noch darunter leidet. Ich würde ich wahrscheinlich in den Arm nehmen und versuchen, tröstende und aufbauende Worte zu finden, damit er sich gesehen und gemocht fühlt. Ich würde ihm sagen, dass es nicht seine Schuld ist und er versuchen darf, mehr Vertrauen in seine heutigen Bezugspersonen zu haben und auch mehr Vertrauen in seine eigenen Kräfte und Bedürfnisse. Er habe als Erwachsener das Recht, zu sagen und zu tun, wonach ihm ist. Und er habe fast schon die Pflicht, sich und seine Bedürfnisse an die erste Stelle zu setzen. Er sollte erkennen, dass seine Partnerin nicht seine Mutter ist, an der sich vergangene Erfahrungen zu wiederholen haben. Mit der Partnerin können neue, positive und selbststärkende Erfahrungen gemacht werden (oder ein Partner gefunden werden, der die Voraussetzungen mitbringt).
Wir sind nicht unseren eigenen Erlebnissen ausgeliefert. Wir haben in unseren jungen Jahren schlichtweg keine andere Wahl gehabt, um zu überleben. Das System ist veraltet und es hilft nicht mehr. Dies zu erkennen ist ein erster Schritt.
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