Autor: DailyEpiktet

  • Loslassen

    Loslassen

    let go

    04.03.2026

    Meine Eltern konnten nie gut mit Geld umgehen. Und so kam es, dass sie jetzt in einem Alter, in dem sich andere zur Ruhe gesetzt haben, weiterhin arbeiten müssen und verschuldet sind. Das kann bei Unternehmern normal sein, wenn Vermögenswerte gebunden sind, denen Kredite gegenüberstehen. Aber hier ist die Sachlage schwieriger, für Beide droht Schlimmeres.

    Mein Schicksal hat es mir erneut auferlegt, wie von Zauberhand in die Rolle des Helfers zu gelangen: Schlichter, Zuhörer, Berater, Retter. Diese Bürde empfinde ich als belastend und gewichtig. Für mich steckt mehr dahinter als die Begleitung in einer schwierigen Phase. Meine Phantasien stellen mich als „Superman“ dar, der die Verantwortung übernimmt, vorne weggeht, die Dinge zum Guten richtet, Lob und Anerkennung erntet.

    Außerdem merke ich, dass etwas in mir bricht: meine beschönigte Vorstellung an eine heile Kindheit und das Idealbild von meinen Eltern. Es wurde auch Zeit, könnte man zu einem erwachsenen Mann sagen, aber es schmerzt. Insbesondere schmerzt die Vorstellung, dass meine Mutter leidet.

    Ich bin also in einer für mich überfordernden, belastenden Situation. Meine Ängste und Sorgen fühlen sich existenziell an.

    Epiktet sagt, man solle sich nicht überfordern. „Wenn du eine Rolle einnimmst, die dich überfordert, so gibst du dir hierin nicht nur eine Blöße, sondern versäumst auch die, die du hättest ausführen können“ – Handbüchlein der Moral, Ziffer 37.

    Leicht gesagt, würde ich an dieser Stelle sagen. Aber tatsächlich hat er Recht. Die Rolle des Retters, Hoffnungspenders, des aufopfernden Sohns, würde mich vollkommen überfordern und mir andere Rollen, die ich tatsächlich ausfüllen kann, versperren. Ich empfinde es als meine Pflicht zu helfen. Größeres Leid hätte ich zu tragen, wenn ich untätig bliebe. Ich muss also eine Rolle finden, die mich nicht überfordert. Und wenn ich dem nachgehe, dass komme ich zu einer bitteren Erkennntnis: ich kann sie nicht (mehr) retten, der Zug ist womöglich abgefahren. Und es macht keinen Sinn und würde ebenso großen Schaden für mich bedeuten (Verlust meiner Freiheiten), wenn ich mich zur Rettung meiner Eltern komplett verhaften ließe (finanziell, emotional, etc.).

    In der Erkenntnis, dass jede Hilfe zu spät sein könnte, steckt Schmerz. In mir leidet die alte Vorstellung, dass mein Elternhaus und meine Eltern „mein“ sicherer Hafen sind, wo ich gesehen und verstanden werde und ich unterstützung bekomme. Als Kind war ich oft zuhause, spielte krank, um nicht in die Schule zu müssen, sondern „im Warmen“ bleiben zu dürfen. Für mich steht die Wärme der Kindheit auf dem Spiel. Und es fragt sich, wieviel Einsatz nötig ist, um sie zu retten. Muss ich sie überhaupt retten? Was wäre, wenn mein System sich endlich mal updated? Was wäre, wenn ich mich als erwachsenen, unabhängigen Menschen anerkenne? Ich brauche diesen Hafen vielleicht nicht mehr, nicht in der realen Welt und nicht in meinem Kopf.

    Nach Epiktet gibt es keinen Verlust. „Sag nie: ich habe die Sache verloren. Sage: Ich habe die Sache zurückgegeben. Solange es dir zur Verfügung steht, behandle es wie fremdes Eigentum wie die Reisenden die Herberge“ – Handbüchlich der Moral, Ziffer 11.

    Ich denke, diese Weisheit lässt sich nicht nur auf Sachen, sondern auch innere Besitztümer anwenden, wie den sicheren Hafen. Ich habe meinen sicheren Hafen nicht verloren, ich gebe ihn freiwillig zurück. Ich bin sogar dankbar, dass ich ihn so viele Jahre haben durfte. Und nun ist die Zeit gekommen. Wenn ich dies akzeptieren kann, dann entlädt sich auch mein Drama und dann kann ich mich vielleicht auf die sinnvolle Rolle konzentrieren, zu helfen, ohne mich damit zu überfordern.

    My parents were never good at managing money. And so it came to pass that now, at an age when others have retired, they still have to work and are in debt. This may be normal for entrepreneurs when assets are tied up and loans are outstanding. But here the situation is more difficult, with worse things looming for both of them.

    My fate has once again imposed on me the role of helper, as if by magic: mediator, listener, advisor, saviour. I find this burden heavy and stressful. For me, there is more to it than just providing support during a difficult phase. My fantasies portray me as ‘Superman’ who takes responsibility, leads the way, sets things right, and reaps praise and recognition.

    I also notice that something inside me is breaking: my idealised image of a perfect childhood and the ideal image of my parents. You might say that it was about time for a grown man, but it hurts. The idea that my mother is suffering hurts particularly badly.

    So I find myself in a situation that is overwhelming and stressful for me. My fears and worries feel existential.

    Epictetus says one should not overburden oneself. ‘If you take on a role that overwhelms you, you not only expose yourself to ridicule, but also fail to do what you could have done’ – Enchiridion, section 37.

    Easy to say, I would say at this point. But actually, he is right. The role of saviour, giver of hope, sacrificial son, would completely overwhelm me and block me from other roles that I can actually fulfil. I feel it is my duty to help. I would have to bear greater suffering if I remained inactive. So I have to find a role that does not overwhelm me. And when I pursue this, I come to a bitter realisation: I can’t save them (anymore), the train may have already left the station. And it makes no sense and would cause just as much damage to me (loss of my freedoms) if I allowed myself to be completely tied down (financially, emotionally, etc.) in order to save my parents.

    The realisation that any help might be too late is painful. I suffer from the old idea that my parents‘ house and my parents are ‘my’ safe haven, where I am seen and understood and where I receive support. As a child, I was often at home, pretending to be ill so that I didn’t have to go to school and could stay ‘in the warm’. For me, the warmth of childhood is at stake. And the question is, how much effort is needed to save it? Do I even have to save it? What if my system finally updates itself? What if I recognise myself as an adult, independent person? Maybe I don’t need this harbour anymore, not in the real world and not in my head.

    According to Epictetus, there is no such thing as loss. ‘Never say, “I have lost the thing.” Say, “I have returned the thing.” As long as it is at your disposal, treat it as someone else’s property, just as travellers treat an inn.’ – Enchiridion, Section 11.

    I think this wisdom can be applied not only to material possessions, but also to inner possessions, such as a safe haven. I have not lost my safe haven, I am voluntarily giving it back. I am even grateful that I was able to have it for so many years. And now the time has come. If I can accept this, then my drama will also dissipate and then perhaps I can concentrate on the meaningful role of helping without overburdening myself.

  • Die Frauen und ich (Teil 1)

    Die Frauen und ich (Teil 1)

    Women and me (part 1)

    03.03.2026

    Zentraler Bestandteil meines Nice Guy Syndroms ist mein widersprüchliches, ambivalentes Verhältnis zu Frauen. Hierin liegt das größte Potential für mein eigenes seelisches Unheil.

    Manchmal komme ich mir wie eine fremd- bzw. frauengesteuerte Marionette vor. Mein Verhältnis zur eigenen Mutter ist innig, zu innig. Meine Rolle ist die des Beschützers, Ansprechpartners und Helfers. Leid meiner Mutter ertrage ich schwer und grundsätzlich verfalle ich selbst in Kummer und Aktionismus, nur um meine Mutter von deren Leiden zu erlösen. Demgegenüber ist mein Verhältnis zur eigenen, älteren Schwester zwar innig, aber auch von Respekt (und auch Angst) geprägt. Bei ihr ziehe ich immer den Kürzeren und mir fällt es verdammt schwer, überhaupt in den Konflikt zu gehen, obwohl es dafür Anlässe gibt. Sie ist dominant, ich bin der kleine Bruder geblieben. Und meine Frau ist, so ehrlich muss ich sein, klüger, besonnener und insgesamt reifer als ich. Vielen Diskussionen fühle ich mich eigentlich nicht gewachsen und ich gebe nach oder gebe ihr Recht.

    Ich möchte meine weiblichen Bezugspersonen nicht kritisieren (obwohl Anlass bestünde und ich mich in ganz unterschiedlichen Rollen eingenommen fühle). Ich blicke auf meine jeweiligen Beziehungen und die daraus für mich entstehenden Muster. Es kommt mir wie ein Irrgarten vor, in dem ich mich nur verlieren kann. Notwendige Konflikte vermeide ich einerseits aus meiner Rolle als Beschützer und Helfer, andererseits aus Respekt und aus Angst. Wie sollte ich mich in solchen Verstrickungen frei fühlen? Unmöglich, würde ich sagen. Um inneren Frieden zu finden, lautete mein Plan bisher: gefallen wollen, Punkte sammeln, Konflikte vermeiden, den Helfer spielen, Schwanz einziehen.

    In „Nie mehr Mr Nice Guy“ geht Robert A. Glover diesem Nice Guy Konflikt auf den Grund. Aus seiner Sicht fehlt es dem Nice Guy an konstruktiven Vorbildern, wie Männlichkeit konstruktiv und aktiv gelebt werden kann. Die Rolle als Marionette muss durch den Nice Guy zwingend durch ein souveränes Rollenmodell ersetzt werden. Nicht gemeint sind patriarchalische , cholerische oder sonstige psyeudo-dominante Rollen, die letztlich nur ein Schutzmechanismus für das eigene abhängige Rollenbild sind. Es geht um die (Zurück-) Gewinnung (m)einer natürlichen, männlichen Souveränität. Hierdurch kann Beziehung, Offenheit, Vertrauen und Nähe gelingen.

    Anders formuliert: Ich muss meine Angst vor Frauen loswerden, ebenso meine Helferrolle und erst recht meine „aalglatte“ Fassade. Ich darf die Beziehungen belasten (tue ich ohnehin, nur anders), ich darf streiten, fordern, Grenzen setzen, meinen Standpunkt vertreten, Wut zeigen, Enttäuschung zeigen. Ich muss aufhören, ein Opfer mit Mäuschenstimme zu sein!

    Wenn das gelingt, dann muss ich nicht mehr im Klein-Klein irgendwelche Mini-Grenzen setzen, um mich überhaupt irgendwie zu behaupten und wahrzunehmen. Wenn ich das Spiel in der Hand habe, dann kann ich im Großen gönnen, kann verlässlich und ehrlich sein. Und erst recht, das ist das eigentliche Ziel, kann ich bei mir bleiben, mich wohl und sicher fühlen. Diesen Weg hin zum Souverän habe ich nun zu gehen. Ich bin überzeugt, dass es sich bald nicht mehr so schwer und unmöglich anfühlen wird wie es das aktuell tut.

    Wenn ich mir ein gesundes, souveränes Rollenmodell entwickle, dann habe ich ein Ziel und eine Vorstellung, woran ich festhalten kann, wenn es mal wieder schwierig wird: lieber den Konflikt durchstehen für das gute Ziel, als weiterhin so ein Opfer zu sein. Kein Opfer wird jemals frei sein, kein Souverän wird jemals ein Opfer sein. So einfach und so schwierig ist es eben.

    A central component of my Nice Guy Syndrome is my contradictory, ambivalent relationship with women. This is where the greatest potential for my own emotional unhappiness lies.

    Sometimes I feel like a puppet controlled by others, or by women. My relationship with my own mother is close, too close. My role is that of protector, confidant and helper. I find it difficult to bear my mother’s suffering and I generally fall into grief and actionism, just to relieve my mother of her suffering. In contrast, my relationship with my own older sister is close, but also characterised by respect (and fear). I always come off worse with her and find it extremely difficult to even enter into conflict, even though there are reasons to do so. She is dominant, I have remained the little brother. And my wife, I have to be honest, is smarter, more level-headed and overall more mature than I am. I don’t really feel up to many discussions and I give in or agree with her.

    I don’t want to criticise my female caregivers (although there would be reason to and I feel I have taken on very different roles). I look at my respective relationships and the patterns that arise for me from them. It feels like a maze in which I can only get lost. I avoid necessary conflicts, on the one hand because of my role as protector and helper, and on the other hand out of respect and fear. How can I feel free in such entanglements? Impossible, I would say. In order to find inner peace, my plan so far has been to want to please, score points, avoid conflicts, play the helper, and keep my head down.

    In ‘No More Mr Nice Guy’, Robert A. Glover gets to the bottom of this nice guy conflict. In his view, the nice guy lacks constructive role models for how masculinity can be lived constructively and actively. The nice guy must replace his role as a puppet with a confident role model. This does not mean patriarchal, choleric or other pseudo-dominant roles, which are ultimately only a protective mechanism for one’s own dependent role model. It is about regaining one’s natural, masculine confidence. This can lead to successful relationships, openness, trust and closeness.

    In other words: I have to get rid of my fear of women, as well as my helper role and, above all, my ‘smooth’ façade. I am allowed to put strain on relationships (I do that anyway, just in a different way), I am allowed to argue, make demands, set boundaries, express my point of view, show anger, show disappointment. I have to stop being a victim with a squeaky voice!

    If I succeed in doing that, then I will no longer have to set mini boundaries in order to assert myself and be noticed. If I am in control of the game, then I can be generous, reliable and honest. And above all, which is the real goal, I can be myself and feel comfortable and secure. This is the path to sovereignty that I now have to follow. I am convinced that soon it will no longer feel as difficult and impossible as it does now.

    If I develop a healthy, confident role model, then I will have a goal and an idea that I can hold on to when things get difficult again: better to endure the conflict for the sake of the good goal than to continue being such a victim. No victim will ever be free, no confident person will ever be a victim. It’s that simple and that difficult.

  • Unfreiheiten

    02.03.2026

    Meine persönliche Freiheit war stets mein höchstes Gut und habe ich belastende Beziehungen beendet, wenn ich mich eingeengt fühlte und ein Leidensdruck entstand. Mittlerweile habe ich verstanden, dass meine Beziehungen grundsätzlich nach demselben Muster ablaufen: ich versuche zu gefallen, ich tue viel bis alles für den Anderen und vermeide es konsequent, Grenzen für mich zu setzen. Zu diesem Zeitpunkt kann ich vor dem inneren Auge bereits erkennen, dass die Beziehung ins Ungleichgewicht gerät und die Abwärtsfahrt beginnt. Allmählich schleicht sich Unzufriedenheit und Enge bei mir ein. Ich stelle fest, dass ich meine Freiräume bereitwillig hergegeben habe und sie schmerzlich vermisse. Ich beginne mich zu beschweren und wütend zu werden, zunächst im inneren Dialog, dann mit steigendem Leidensdruck auch extern. Meine Wut über den Freiheitsverlust versuche ich zu regulieren, vorrangig durch innerliche Distanz und durch passives Schweigen. Dieser „Schutzmechanismus“ entwickelt sich dann als nicht förderlich bzw. gibt er mir nicht meine dringend benötige Freiheit zurück. Im Gegenteil, mein Gegenspieler zum Freiheitsbedürfnis, mein Harmoniebedürfnis, beginnt sich zu melden, nachdem ich Streite vom Zaun breche. Es entsteht ein wirrer Tanz in Form einer Abwärtsspirale für meine Beziehung und für mein Nervensystem, zu der es dann – nachdem die Fronten sich verhärtet haben, ich mich sowohl unfrei als auch ungesehen und unter Druck und missverstanden fühle – nur ein Ausweg gibt: Trennung und Neuanfang; immer und immer wieder.

    Mein Beziehungsmuster ist auf Zerstörung und Scheitern ausgelegt und vermeide ich natürliche Nähe, noch bevor sie aufkommt. Nähe fühlt sich erdrückend, verpflichtend, erschlagend, feindlich für mich an. Ihr begegne ein ums andere mal mit Wut und Agression, Angst und Flucht. Was letztlich übrig bleibt sind Verletzungen, bei mir und beim Gegenüber.

    In der Psychologie existiert der Begriff des „Inneren Kindes“, eine Art bildliche Vorstellung von meinen eigenen kindlichen Erfahrungen, Gefühlen und Bedürfnissen. Die nicht von mir gelebten, verletzten Anteile werden auch als „Schattenkind“, also der verborgene Anteil in mir, bezeichnet (in Abgrenzung zum „Sonnenkind“, der Ausdruck für meine heute Neugier, positive Lebenseinstellung und meine Kreativität ist).

    Aus meinen Therapiesitzungen weiß ich, dass mein „Schattenkind“ (bzw. ich in Form dieser Persönlichkeitsanteile) für meine destruktive Beziehungsführung verantwortlich ist und mein Vermeidungsverhalten in Beziehungen als „Schutzmechanismus“ definiert werden. Ursächlich dafür sind meine kindlichen Erfahrungen insbesondere in Beziehung zu meinen Eltern, zu meiner Schwester und anderen Bezugspersonen.

    Wenn ich mir mein heutiges Verhalten in Beziehungen anschaue, dann muss mein „Inneres Kind“ ein fürchterlich einsames, ängstliches und zurückgewiesenes Kind sein. Es kann Nähe nicht richtig halten und ertragen, aus Angst vor Vereinnahmung. Es kann nicht laut werden und seine Bedürfnisse formulieren und durchsetzen, aus Angst, verlassen zu werden. Und es kann nicht verzeihen, wahrscheinlich weil der Schmerz sehr tief sitzt und ihm auch oftmals nicht verziehen wurde.

    So richtig weiß ich noch nicht, was ich mit dem Wissen anfangen soll. Es wirkt überfordernd und konstruiert. Andererseits möchte ich endlich ankommen, bei meiner lieben Frau, die ich mir Jahre auf Distanz gehalten habe und die den Teufelskreis mit mir durchlaufen ist.

    Was bleibt ist ein Gefühl von Ungerechtigkeit und Selbstmitleid. Wieso ich, warum musste es für mich damals so schwierig sein? Hab ich da nicht schon genug gelitten, dass ich heute immer noch die Wunden zu verarzten habe? Was für ein Dämon möchte mich bestrafen mit dem, was sich bei mir als „Erwachsener“ täglich abspielt?

    Ich suche Hoffnung und Trost bei Epiktet. Dem sind Selbstmitleid und Leid aus der Vergangenheit aber fremd (weil nach ihm das Vergangene nicht zählt und wir für all unsere Einstellungen im hier und jetzt selbst verantwortlich sind). Eine Botschaft nehme ich aber mit:

    „Duldsamkeit – auch wenn es dich trifft

    Die Stimme der Vernunft können wir in unzweifelhaften Dingen deutlich vernehmen. Wenn z. B. der Knabe eines andern ein Gefäß zerbrach, so sagt sich jeder sogleich: »Das ist nichts Ungewöhnliches.« Benimm dich also ebenso, wenn das deinige zerbricht, wie du dich verhieltest, als das des andern zerbrach. Wende dies auf größere Dinge an. Das Kind oder Weib eines andern starb; jedermann sagt: »das ist Menschenlos.« Ist aber jemandem eines der seinen gestorben, so wird geklagt: »O weh, ich Unglücklicher!« Wir sollten uns aber erinnern, mit welchen Gefühlen wir das nämliche bei andern aufnahmen.“

    Erzählte ein Freund mir meine eigene Geschichte als seine, so würde ich Mitleid für seine Erfahrungen als Kind und dafür empfinden, dass er heute noch darunter leidet. Ich würde ich wahrscheinlich in den Arm nehmen und versuchen, tröstende und aufbauende Worte zu finden, damit er sich gesehen und gemocht fühlt. Ich würde ihm sagen, dass es nicht seine Schuld ist und er versuchen darf, mehr Vertrauen in seine heutigen Bezugspersonen zu haben und auch mehr Vertrauen in seine eigenen Kräfte und Bedürfnisse. Er habe als Erwachsener das Recht, zu sagen und zu tun, wonach ihm ist. Und er habe fast schon die Pflicht, sich und seine Bedürfnisse an die erste Stelle zu setzen. Er sollte erkennen, dass seine Partnerin nicht seine Mutter ist, an der sich vergangene Erfahrungen zu wiederholen haben. Mit der Partnerin können neue, positive und selbststärkende Erfahrungen gemacht werden (oder ein Partner gefunden werden, der die Voraussetzungen mitbringt).

    Wir sind nicht unseren eigenen Erlebnissen ausgeliefert. Wir haben in unseren jungen Jahren schlichtweg keine andere Wahl gehabt, um zu überleben. Das System ist veraltet und es hilft nicht mehr. Dies zu erkennen ist ein erster Schritt.

  • Macht

    26.02.2026

    Ich habe einen Klienten, der mich fragte, ob ich mir eine engere Zusammenarbeit mit ihm vorstellen könne (was micht natürlich freute). Die Frage kam, nachdem er mich über Wochen in Arbeiten eingespannt hatte, die effektiv im Sande verliefen und ich sie (selbstverständlich) dennoch abgerechnet hatte. Auf meine Frage hin, wie diese Zusammenarbeit aussehen solle, skizzierte er mir seine Vorstellung, dass ich als eine Art Angestellter bzw. Weisungsgebundener für ihn tätig sein solle. Ich solle dabei keine Sorge haben, „von ihm geknebelt zu werden„, allerdings müsse ich bereit sein, für ihn viel unterwegs zu sein. Ein Gefühl von Bitterkeit und Enge machte sich in mir breit:

    Der Klient wollte nicht nur Kosten sparen und mich deswegen in seine Organisation rechtlich einbinden, er suchte Macht über mich. Ich dachte hierüber länger nach und musste mir eingestehen, ihm die kleinerenn ersten Machtdemonstrationen vor diese Anfrage bereitwillig überlassen zu haben. Das begann mit Kommunikation via WhatsApp, was ich im beruflichen Kontext eigentlich vermeide, bis hin zur Frage an ihn, ob ich krank an einem auswertigen Termin mit ihm teilnehmen solle. In alltäglichen Babyschritten habe ich ihm mehr und mehr Einfluss und Macht bereitwillig eingeräumt und nun sah ich mich mit dieser Anfrage konfrontiert.

    Sich „lieb Freund“ zu machen, Anerkennung zu suchen und dabei Autonomie einzubüßen, ist beruflich wie privat ein zunächst bequemer Weg, der aber teuer wird. Menschen suchen, bewusst oder unbewusst, nach Macht über Mitmenschen und dessen muss man sich bewusst sein; vollkommen gleichgültig ob in der Partnerschaft, in der Familie oder Freundschaft oder im Job.

    Ich habe über dieses „Phänomen“ weiter nachgedacht und mir wird bewusst, dass ich in vielen Beziehungen Macht über mich hergegeben habe. Und ich konnte erkennen, dass mein eigenes Verhalten ursächlich dafür ist. Ich biete die Macht bereitwillig an. Ich setze keine frühen, klaren Grenzen, so sie gesetzt werden müssten. Und ich habe den Hang, mich in eine abhängige, untergeordnete Position zu begeben (auch wenn mein äußerliches Verhalten oftmals kein Anzeichen dafür bietet und meine Mitmenschen mich als souverän und selbstbewusst empfinden). Kurzum: ich bin ein lieber, netter Kerl und es gibt Menschen, die sich meine „Schwäche“ zu Nutze machen wollen.

    Ich erinnerte mich an eine Aussage meines Coaches, dessen Arbeit auf philosophischen Grundgedanken beruht. Er sagte mir, dass andere Menschen sich meine Offenheit, Authenzität und Hilfe „verdienen“ müssen. „Verdient“ meint, dass die Mitmenschen selbst (bestmöglich) nach den Kardinalstugenden von Platon – (Weisheit (sophia): Vernunft; Tapferkeit (andreia): Mut; Mäßigung (sophrosyne): Selbstbeherrschung und Gerechtigkeit (dikaiosyne): Das harmonische Zusammenspiel der Teile) – handeln. Wenn dies gewährleistet ist, erst dann soll ich meine Wesenszüge offenlegen. Sollte das Gegenüber aber nach den von Platon beschriebenen Lastern handeln, diese sind:

    • Unwissenheit (Ignoranz): Nach Platon (und Sokrates) ist das Laster primär Unwissenheit. Wer das Gute wirklich kennt, handelt auch gut. Böses Handeln entsteht, weil Menschen fälschlicherweise glauben, etwas Schlechtes sei gut für sie;
    • Pleonexia (Habgier/Maßlosigkeit): Das Streben nach „mehr als seinem Anteil“, besonders bei Gütern, Macht und Vergnügen. Dies ist die Wurzel von Ungerechtigkeit;
    • Störung der Seelenteile: Die Seele besteht laut Platon aus Vernunft, Mut und Begierde. Ein Laster entsteht, wenn die Begierde (Appetite) oder der Zornmut (Spiritedness) die Vernunft beherrschen, anstatt von ihr gelenkt zu werden;
    • Tyrannei des Selbst: Das schlimmste Laster ist der Zustand, in dem ein Mensch von seinen niedrigsten Begierden versklavt wird. Ein solcher Mensch (der tyrannische Mensch) ist der unglücklichste;
    • Ungerechtigkeit (Adikia): Sie wird als innere Disharmonie betrachtet, die den Menschen davon abhält, seine Funktion (ein vernunftgeleitetes Leben) gut zu erfüllen;

    dann soll ich das „Spiel“ allenfalls mitspielen und zum eigenen Schutz innerlich auf Distanz bleiben bzw. die Beziehung beenden.

    Dieser Gedanke mag beim ersten Lesen kaum greifbar sein und muss über ihn und seine Konsequenzen, sollte man ihn befolgen, in Ruhe nachgedacht werden. Mich hat der Rat zunächst erschlagen und ich hatte ihn Beiseite gelegt. Ehrlich gesagt hatte ich mich vor ihm auch gefürchtet, weil er meine Rollenbilder erheblich in Frage stellt. So viel Selbstbezug und Selbst(be)achtung wollte ich mir nicht zutrauen und schien mir mein Leben damit kompliziert und wahrscheinlich auch einsamer. Die Erkenntnis könnte sich aufdrängen, dass nur ganz wenige Menschen ernstllich nach diesen Tugenden leben und, sollte ich mich ihnen – für mein Seelenfrieden – anschließen, ich mich voraussichtlich freier, aber auch allein fühlen werde.

    Kurzum: für einen Nice Guy, wie ich es bin, bedeutet diese Ansicht eine radikale Abkehr von people pleasing, Haromie und Abhängigkeit. Anstelle meines Strebens, „permanent im außen zu sein“, soll ich nun (glas-) klare Linien ziehen, mich und meine Mitmenschen danach bewerten und Konsequenzen folgen lassen.

    Zurück zu meinem Klienten:

    Mein Klient ist habgierig (das wusste ich vorher schon), und er sucht ständig nach Mitteln und Wegen, um sich zu monetär zu bereichern und Macht über andere Menschen auszuüben. Und mein Klient hatte sich das Ziel gesetzt, mich auszunutzen.

    Was ist die Folge?

    Ich erinnerte mich an meinen beruflichen Werdegang und den teilweise sehr beschwerlichen Weg bis zur Selbstständigkeit (was nicht zwingend Autonomie gewährleistet). Ich müsste von allen guten Geistern verlassen sein, mich (wieder) freiwillig vor den Fuhrkarren – diesmal des die Peitsche schwingenden Klienten – zu spannen (auch wenn eine gute Bezahlung lockte).

    Meine an den Klienten gerichtete E-Mail (Entwurf) war zunächst als höfliche Absage verfasst unter Beteuerung, an einer weiteren Zusammenarbeit (wie bisher) interessiert zu sein. Ich las den Entwurf mehrfach uns mir wurde klar: so fühlt sich Selbstbehauptung nicht an, so fühlt sich allenfalls Sabotage und Abhängigkeit an. Warum so höflich und so klein, wenn am anderen Ende jemand sitzt, der mich eigentlich verarschen will? Durchatmen! Mut sammeln!

    Sehr geehrte/r [o],

    vielen Dank für Ihr Angebot zur Vertiefung der gemeinsamen Zusammenarbeit. Ich bin mit meiner derzeitigen beruflichen Situation sehr zufrieden und suche keine Veränderungen.

    Mit freundlichen Grüßen“

  • Männerwelten

    27.02.2026

    Wann ist der Mann ein Mann? Diese Frage drängte sich mir auf, als die Männerclique, zu der ich Anschluss fand, eine Art „Wettbewerb“ in turnusmäßigen Abständen ins Leben rief mit der Absicht, sich in puncto männliche Leistungsfähigkeiten zu messen. Es geht dabei nicht Hochleistungssport, wie es bei den antiken Olympioniken der Fall war, oder um intellektuelles Hochreck. Zu den Kampfarenen wurden Bowlingbahnen, Dartscheiben und Billardtische bestimmt. Es gibt ein strenges Punktesystem, aus dem ein endgültiger Gewinner hervorgeht. Das klingt nach netten Männerabenden mit offiziellem Anstrich.

    Einerseits freute ich mich auf diese Abende mit den „Jungs“, denn wenn die Leistung im Vordergrund steht, dann bedarf es keiner Gesprächsthemen (die in den bisherigen Treffen für mich manchmal schwierig waren bzw. ich keinen richtigen Einstieg finden konnte, insbesondere weil Themen gar nicht besprochen oder diskutiert, sondern „angeworfen“ wurden). So versprach ich mir eine gewisse Lockerheit und Leichtfüßigkeit von diesen Veranstaltungen. Auch nahm ich an, dass der Spaß im Vordergrund stehen wird, schließlich dürfte man die Wettkampf-Stationen allesamt als sinnleer und als ironische Form eines echten Wettkampfes bewerten.

    Unbehagen bereitete mir von vornherein, dass ich gar nicht zu diesen „klassischen“ Männern gehöre, die sich bei jeder Gelegenheit und aus Freude an der Sache (be)wetteifern wollen/müssen. Ehrlich gesagt habe ich ein recht sonderbares Verhältnis zu dieser Form der Männlichkeit. Ich kann gewinnen und verlieren. Ich kann mich behaupten und zur Not auch mal „unter der Gürtellinie“ agieren. Ich bin als Typ „Mann“ aber eher derjenige, der den anderen für seine Leistungen beglückwünscht und immer fair ist bzw. sein möchte. Ich bringe da etwas sehr Ausgleichendes und Harmonierendes mit. Ein echter Nice Guy eben!

    Und so sagte mir eine innere Stimme, dass Gefahr droht, als softer Nice Guy in diesem Wettbewerb enttarnt und gedemütigt und zerrissen zu werden wie eine scheue Antilope, die von Löwen umzingelt ist. Mir fehlt diese Art der Männlichkeit, die eigensinnig bzw. egoistisch ist, sich selbst in den Vordergrund hebt, Forderungen und Ansprüche stellt, sich durchsetzt und Konflikte sucht zur eigenen Selbstaufwertung. Mit anderen Worten: als Spaß verkleidete Messungen der Männlichkeit bedrohen meine Eigene.

    Es kam wie es kommen musste. Der Spaß war offiziell anwesend, indes der Leistungs- und Gewinnanspruch der Beteiligten (sehr) hoch und Misstöne und -launen gesellten sich schnell zu uns Bowling-Olympioniken: „Ich kann doch nicht Letzter sein, dafür bin ich viel zu gut“. Oder: „ich hätte von vornherein die Technik anwenden sollen, die ich am Besten kann. Jetzt läuft es endlich besser“. Meine eigene, teilnehmende Unsicherheit bemühte ich mit Bier zu besänftigten, was zwar half, aber meine Leistungsperformance nachhaltig verschlechterte. Auch ich war genervt, denn ich hatte mich auf eine Niederlage zwar eingestellt, wollte aber nicht „haushoch“ verlieren und mir die Blöße als „Weichei“ geben. Klingt das nicht nach Spaß?!

    Ich für meinen Teil erkennen folgende Probleme in dieser Situation:

    1. Erwartungen

    Was hatte ich erwartet? Für mich sollten die kämpferischen Abende ein Mittel sein, um „anderen“ Kontakt zu den „Jungs“ zu bekommen und über das gemeinsame Empfinden von „Spaß“ auch einen größeren gemeinsamen Nenner, also eine Verbesserung unserer Beziehung. Ich hätte mir dabei aber denken können, dass das Gesellschaftliche in den Hintergrund treten und der Ansporn dominieren wird. Ich bin also von falschen Vorstellungen ausgegangen (obwohl ich gewarnt wurde).

    Wenn du irgend etwas unternehmen willst, so mach dir klar, welche Art das Unternehmen ist. Wenn du z.B. baden gehst, so stell dir vor, wie es in einer Badeanstalt zugeht, wie sie mit Wasser spritzen, einander anrempeln, beschimpfen und bestehlen. So wirst du dich mit größerer Sicherheit an die Unternehmung machen […]“ – Epiktet – Handbüchlein der Moral, Ziffer 4.

    Ich hätte mir also im Vorfeld ausmalen sollen, wie es bei solchen Abenden zu hitzigen Streiterein, Druck und Konflikten kommen wird und wie sich die erhöhten Testosteron-Spiegel durch selbstmotivierende Kampfansagen entladen. Dies hätte, wenn ich ehrlich bin, sehr nahe gelegen zu tun. Dann hätte ich entscheiden können, ob ich Teil einer solchen Spaß-Kampf-Druck-Veranstaltung sein möchte und ob für mich selbst dann noch das Gesellschaftliche im Vordergrund steht. Kurzum: ich wäre – stoistisch richtig – vom „schlimmsten“ Fall ausgegangen um mich frei von Erwartungen zu machen, die nicht meiner eigenen Kontrolle unterliegen.

    2. Sinn und Unsinn

    Welcher Sinn liegt in der Teilnahme an diesen „freundschaftlichen“ Wettkämpfen (für mich)? Die Anwort auf diese Frage ist schwierig. Es geht mir um meine eigene Akzeptanz in dieser konkreten Gruppe (die mir nach meinen eigenen Eindrücken bisher fehlte). Die Akzeptanz würde vielleicht schon durch die Teilnahme, sodann aber durch ggf. achtbare Erfolge und den draus gewonnenen Respekt begründet werden, so nach meiner Vorstellung. Also habe ich mir eine Unternehmung „aufgehalst„, bei der ich Akzeptanz durch Erfolg und aktive Teilnahme suchte. Wenn ich mich also „gut“ oder „sehr gut“ schlagen würde (ohne aber zu gut zu sein, was mich wieder ausgrenzte), dann erfahre ich Akzeptanz, während sie ausbleibt, wenn nicht performe (oder auch nicht mehr für die beiden „Absacker„-Biere nach dem Kräftemessen mehr bleibe).

    Solltest Du jemals deinen Willen auf etwas richten, dass nicht in deiner Macht steht, um jemand anderen zu beeindrucken, dann sei versichert, dass du damit den Sinn deines Lebens zunichte machst. Sei also zufrieden damit, in allem, was du tust, ein Philosoph zu sein und wenn du auch als ein solcher angesehen werden möchtest, dann beweise erst dir selbst, dass du einer bist, und du wirst erfolgreich sein“ – Epiktet – Enchridion, 23.

    Hier nun wieder die Stoiker: ob ich von den Anderen mit oder ohne Erfolge in der Gruppe akzeptiert werde, liegt nicht in meiner Gewalt. Und deswegen soll ich auch nicht meine Hoffnungen darauf setzen. Erst recht soll ich mir keine Ziele setzen, um damit andere zu beeindrucken.

    Außerdem stellt sich Frage nach der objektiven Sinnhaftigkeit einer solchen Beschäftigung. Wettkämpfe mögen zur Stärkung des Selbstbildes und zur Selbstbehauptung hilfreich sein – aber in Kneipen, bei unsinnigen Beschäftigungen? Seien wir ehrlich, es ist ein Wettkampf und dann sollte er auch als solcher kommuniziert und auch umgesetzt werden. Ob dann Darten, Billard und Bowling sinnvolle Beschäftigungen zum Kräftemessen sind, bleibt in der Beurteilung jedem selbst überlassen.

    Ich muss mich abschließend dazu entscheiden, in solchen Veranstaltungen, wenn ich sie denn weiterhin begleite, keine Akzeptanz suche und keinen Eindruck zu hinterlassen beabsichtige.

    3. Gelebte Männlichkeit

    Robert A. Glover empfiehlt in seinem lesenswerten Buch „Nie mehr Mr Nice Guy„, dass das Nice Guy Syndrom insbesondere durch das Suchen und Finden von Beziehungen und Freunschaften zu anderen Männern gelöst wird und dort richtige Männerdinge zu tun. Unter diesem Gesichtspunkt dürfte das turnusmäßige Kräftemessen, sei es nun sinniger oder unsinniger Art, ein passender Weg für das (Er-) Leben meiner eigenen Männlichkeit sein, wenn Testosteron in der Luft liegt und andere Dinge als Einfühlungsvermögen und Resonanz zählen.

    Und so komme ich zu dem Entschluss, dieser Männerrunde weiter beizuwohnen, einfach um (robustere) Männlichkeit zu erfahren. An manchen Stellen mag es mir unsinnig vorkommen, aber dies ist eben ein Teil dieser Männlichkeit, die ich zu akzeptieren habe. In diesem Zuge habe ich auch zu akzeptieren, dort nicht nach Anerkennung zu streben. Ich begleite die Gruppe des Mannseins wegen und versuche es, alle Farben zu genießen. Und vor dem nächsten Treffen stelle ich mir den Abend in seiner schlimmsten Art vor, um gewappnet zu sein. Mein Dank an Epiktet!

  • Meine tägliche Wut

    25.02.2026

    Mit meiner Wut ist es wie eine kleine Nussschale auf hoher, stürmischer See. Ich habe keine Kontrolle über sie und sie kann mich mitunter in Stücke reißen. Meine Umwelt erfährt davon recht wenig, oftmals ein tiefes Schweigen oder eine passive Gereiztheit. Während es mir kocht und ich diese Energie mit Kräften versuche runterzudrücken oder einzufangen, verstarre ich im Außen in Lähmung.

    Wer kennt es nicht: ungewünschte Besuche, nervende Kollegen, Wünsche und Bitten von allen Seiten, Unverständnis, Diskussionen und Streit. Der innerliche Kompass schreit: NEIN, NEIN, NEIN. Aber der Mund sagt: na gut, ok, einverstanden, tut mir ja nicht so weh. Daily Business eines Nice Guys.

    Was entsteht und in mir bleibt und dort wuchert, ist unverarbeitete Wut. Zu gerne würde ich explodiren, die Kontrolle und Fassung verlieren und mich voll und ganz der Zerstörung hingeben. Warum tue ich es nicht einfach? Warum setze ich Unmengen an Gegenenergie ein, um diese (Ausgangs-) Energie zu bändigen? Wut ist unschön. Sie scheint wie eine Form der Schwäche und der fehlenden Selbstbeherrschung. Und sie passt so gar nicht zu dem inneren Drang, gefallen zu wollen. Wut gefällt nicht, sie schmeichelt nicht, nacht es nicht recht und sie ist erst recht nicht harmonisch und balancierend. Sie ist kein Sonnyboy.

    Und nun? Wie gehe ich mit diesem Energievulkan um, ohne mich selbst ins Abseits zu stellen? Zu Hause wurde Wut entweder gar nicht gelebt (Mutter) oder ungefiltert rausgelassen (Vater). Ich habe nicht gelernt, einen vernünftigen Weg im Umgang mit ihr zu finden. Mir fehlen Vorbilder und Vorstellungen.

    Epiktet begegnet der Wut mit Gleichmut:

    „Bei allem, was dir widerfährt, denke daran, dich dir selbst zuzuwenden und zu untersuchen, welche Kraft du hast, dich ihm auseinanderzusetzen. Wenn du ein schönes Mädchen erblickst, so wirst du als Gegenkraft die Selbstberrschung in dir finden; mutet man dir eine schwere Strapaze zu, so wirst du Ausdauer, beleidigt man dich, Gleichmut finden. Wenn du dich daran gewöhnt hast, werden dich die Eindrücke und (falschen) Vorstellungen nicht mehr hinreißen“ – Handbüchlein der Moral, Ziffer 10 – Gegenkräfte in dir.

    Was auch immer meine Wut erzeugt, sie ist mein selbst geschaffenes Erzeugnis und ich verfüge auch über die Gegenkräfte in mir. Wir sind im ersten Reflex auf die „Quelle“ unserer Wut wütend: auf den Partner, den Freund, die Eltern, die Geschwister und Arbeitskollegen. Aber können sie uns wirklich wütend machen? Haben sie die Macht dazu, uns wütend zu machen? Vielleicht geben wir ihnen – aus Gründen der Bequemlichkeit und frewilligen Abhängigkeit – diese Macht über uns.

    Was wäre, wenn ich die Macht über meine Wut habe und sie als Kompass anerkenne? Ich erzeuge die Wut in mir und ich habe auch die Gegenkraft in mir: den Gleichmut. Wut soll leiten, nicht zerstören. Wir sollten sie weder runterschlucken noch ungefiltert rauslassen. Wir sollen sie akzeptieren und uns erinnern, dass wir ihr etwas Kräftigeres entgegenstellen können.

    Meine Reflexion für heute: sobald mich wieder jemand nervt und ich mich ungerecht behandelt, ungesehen oder leer fühle, erzeuge ich Wut. Ihr kann ich mit Gleichmut begegnen. „Da habe ich mal wieder jemanden Macht über mich gegeben, weil ich mich nicht abgrenzen wollte. Ich erzeuge die Wut und ich trage sie und atme sie raus. Ich habe Kontrolle über meine Wut.“

  • Salve!

    Meine erste (ganz) persönliche Blogging-Reise beginnt hier. Sie soll mir als Spiegel und Kanal dienen bei meinem dringlichen Wunsch, mich seelisch-geistig-moralisch dorthin zu entwickeln, wo ich (deutlich mehr) im Einklang mit mir und meiner Umwelt stehe.

    Ich bin ein typischer Nice Guy. Treffsicher habe ich mir einen Weg für meine Selbstentwicklung gewählt, der voll im Zeitgeist liegt: Stoizismus ist in aller Munde, en vogue, hip, die Lösung aller Probleme in der heutigen, überladenen, stressigen, lauten Zeit. Was im Zeigeist liegt, kann nicht falsch sein und erzeugt allgemeine Anerkennung. Vortreffliche Voraussetzungen also dafür, dass ich mich auf vermeintlich sicherem Terrain bewege.

    Ein wichtiges Anliegen möchte ich gerne vorweggreifen: so ehrenwert mein Outing als Nice Guy und die Verbindung mit einem philosophischen Anker (Stoa) auch sein mag, soll meine Auseinandersetzung mit mir selbst als Versuch einer kritischen, reflektierten, langen Reise und Ansatz meiner erhofften Selbstenwicklung verstanden werden, die weder Gewähr für Erfolg oder Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte leistet, noch zu gefallen versucht. Ich versuche Ehrlichkeit und Resonanz in mir zu finden, nachdem ich im Begriff bin, zu resignieren – an der heutigen Zeit, an der Schnelligkeit des Lebens an sich, an dem Chaos meines eigenen Lebens, an meinen Ängsten, meiner oftmals verspürten Leere und meinen Rollen – und Rollenbildern.

    Auf der Suche nach Antworten mittels Stoizismus begehe ich bereits den ersten schweren Fehler, den ich für den Zweck meines Blogs in Kauf nehmen muss. Wenn es mir allein um meine persönliche Entwicklung ginge, so sollte ich denken und schweigen. Ich sollte mich in meiner eigenen Welt üben, und nicht allzuviel darüber sprechen (bzw. schreiben). Insgesamt ist der Stoiker ein eher schweigsamer, mit sich befasster Mensch. Da ich aber die Erfahrung von geteilter Selbstreflexion machen möchte, bleibt dieser Blog – als Mittelsweg – eine „Einbahnstraße“ von mir nach außen.