Du darfst nicht sehen, dass ich klein bin

You shall not see me being small

24.03.2026

In meinem Leben gibt es Menschen, die nicht sehen dürfen, wenn ich leide, wenn ich mich klein fühle, oder wenn ich insgesamt unglücklich bin.

Was ich in solchen Situationen tue, ist wie ein Schauspiel. Ich zeige mich stark, selbstbewusst, und lege ein fröhliches Gesicht auf.

Diese Personen kennen mich aber zu gut, als dass sie meine echten Gefühle nicht bereits anhand meiner zaghaften, unsicheren Stimme erkennen würden.

Ich lese oft, dass richtige Begegnungen mit anderen Menschen uns gut tun und uns aus schwierigen Situationen helfen. Richtige Begegnungen meint: offen und transparent sein; seine wahren Gefühle beschreiben; sich nicht zu verstecken.

Warum verstecke ich mich also? Scham mag da eine Rolle spielen. Ebenso mein Stolz. Ich mag es, wenn ich als stark und souverän wahrgenommen werde, und keine Angriffsflächen biete. Mich offen zu zeigen würde mich instabil fühlen lassen und ich würde die Kontrolle über die Situation abgeben. Es könnte mir passieren, dass derjenige, der mich als stark ansehen soll, seine unverschönte, harte Meinung sagt. Ich habe mit ehrlicher Meinung meine Probleme, eben weil es mir ein anderes Selbst von mir spiegelt, welches ich nicht sehen möchte. Wobei ich dabei auch gerne unterscheiden möchte, ob die ehrliche Meinung wohl gemeint ist oder ein Anlass, um mir zu schaden. Beides ist aus meiner Sicht möglich.

Insofern bin ich in gewisser Weise von den Motiven meines Gegenübers abhängig. Ehrliche Meinungen über mich ertrage ich besser, wenn sie gut gemeint sind, als solche, die mir Schaden zufügen sollen.

Bei den hier benannten Personen passiert es mir dann aber oft, dass ich Ihnen eine Schädigungsabsicht vorschnell unterstelle, obwohl sie es eigentlich gut mit mir meinen. Ich befürchte Spott, und verspottet zu werden, ist kein schönes Gefühl.

Ich wäre gerne näher bei diesen Personen, würde mich gerne offener zeigen. Gut gemeinte Ratschläge würde ich gerne dankend annehmen und schlecht gemeinte Ratschläge würde ich gerne zurückweisen. So stelle ich mir meinen erwachsenen Umgang mit offener Meinung über mich vor.

Interessant daran ist, dass in beiden Fällen die „Macht“, die ich zu verlieren drohe, weiterhin bei mir liegt. Ich bin frei darin, gut gemeinte Ratschläge zu beherzigen. Ebenso bin ich frei darin, die üblen Ratschläge mit Hintergedanken offen abzulehnen. Hierdurch zeige ich doch eigentlich wahre Souveränität, insbesondere weil ich das offene Gespräch nicht von vornherein vermeide.

Epiktet rät uns, uns von vornherein auf den Spott und das Gelächter einzustellen. Wenn wir von einer Sache aber sehr überzeugt sind, so sollen wir daran festhalten, als seien wir von Gott von diesen Posten gestellt worden. Wenn wir uns treu bleiben, werden uns alle bewundern, die uns vorher ausgelacht haben. Weichen wir aber dem Druck des Spottes, so ernten wir doppelten Spott – Handbüchlein der Moral, Ziffer 22.

Entscheidend ist also, wie sehr ich von meiner Auffassung überzeugt bin. Ein Ratschlag, ob gut oder schlecht gemeint, kann immer hilfreich sein, wenn ich unsicher bin. Wenn ich aber sicher bin, dann brauche ich eigentlich keinen Ratschlag mehr.

There are people in my life who aren’t allowed to see when I’m suffering, when I feel small, or when I’m generally unhappy.

What I do in such situations is like putting on a show. I present myself as strong and confident, and put on a cheerful face.

But these people know me too well not to recognise my true feelings from my hesitant, uncertain voice.

I often read that genuine encounters with other people do us good and help us out of difficult situations. Genuine encounters mean: being open and transparent; describing one’s true feelings; not hiding.

So why do I hide myself? Shame may play a part in this. As does my pride. I like being perceived as strong and confident, and not leaving myself open to attack. Showing myself openly would make me feel unstable and I would relinquish control of the situation. It could happen that the person who is supposed to see me as strong might voice their unvarnished, harsh opinion. I have a problem with honest opinions, precisely because they reflect a different side of myself that I don’t want to see. That said, I also like to distinguish whether the honest opinion is well-meaning or an opportunity to hurt me. In my view, both are possible.

In that sense, I am, in a way, dependent on the motives of the person I’m dealing with. I can cope better with honest opinions about myself if they are well-meaning than with those intended to hurt me.

With the people mentioned here, however, I often find myself hastily assuming they mean me harm, even though they actually mean well. I fear ridicule, and being mocked is not a pleasant feeling.

I would like to be closer to these people and would like to be more open with them. I would like to gratefully accept well-meaning advice and reject ill-intentioned advice. This is how I imagine my mature approach to dealing with open opinions about myself.

What is interesting here is that in both cases, the ‘power’ that I risk losing remains with me. I am free to take well-meaning advice to heart. Likewise, I am free to openly reject ill-intentioned advice with ulterior motives. In doing so, I am actually demonstrating true sovereignty, particularly because I do not avoid open conversation from the outset.

Epictetus advises us to brace ourselves for ridicule and laughter from the outset. But if we are deeply convinced of a matter, we should hold fast to it as though God had placed us in this position. If we remain true to ourselves, all those who previously laughed at us will come to admire us. But if we yield to the pressure of ridicule, we will reap double the ridicule – The Enchiridion, Section 22.

What matters, then, is how firmly I believe in my own view. A piece of advice, whether well-meaning or not, can always be helpful when I am unsure. But if I am certain, then I no longer really need any advice.

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