Abhängigkeiten

dependencies

12.03.2026

Meine Frau war beruflich für mehrere Tage unterwegs, zum ersten mal seit unserer langjährigen Beziehung. Ich leide derzeit unter einer Angststörung mit depressiven Auswüchsen. Am Vortag ihrer Abreise überkam mich Angst vor dem Alleinsein. Ein Gefühl, dass ich in der Form lange nicht mehr hatte. Wie sollte ich für mich allein zurecht kommen? Dieser Satz wäre für mich vor Jahren noch undenkbar gewesen. Damals wäre es für mich die größte Selbstverständlichkeit gewesen, allein zurecht zu kommen und es wäre für mich viel schwieriger gewesen, in einer Beziehung zu sein. Die Vorzeichen haben sich also verändert, aber massiv.

Ich begann zu spüren, wie abhängig ich mich von meiner Frau gemacht habe und mir mein Kopf ein Panikkonzert bescherte, als nun ein mehrtägiges Alleinsein anstand. Ich kann nicht sagen, dass ich einsam war. Nein, ich habe Freunde getroffen und Dinge unternommen (dies aber auch vorrangig, um die Zeit zu überbücken und die Angst vor dem Alleinsein weniger zu spüren). Aber die Treffen konnte ich nach einem gewissen Anlauf dennoch genießen. Allerdings habe ich in diesen Tagen auch erheblich mehr gegrübelt, da mir eine Resonanz in Form meiner Frau fehlte.

Die Tage für mich allein haben mir vieles gezeigt:

  1. Ich bin weit davon entfernt, unabhängig und angstrei zu sein.
  2. In meiner Partnerschaft begebe ich mich in eine sehr abhängige, passive Rolle und es war extrem ungewohnt für mich, in den vergangenen Tagen mein Leben selbst zu planen und zu gestalten. Demgegenüber ist meine Frau recht dominant.
  3. Wenn ich in meine Beziehung hineinschaue, stehe ich wie ein kleiner Junge da. Ich möchte es recht machen, Anerkennung haben, bin sehr sehr viel beim Anderen. Mir geht es immer vorrangig um affektive Bedürfnisbefriedigung und ich habe ganz wenig Zugriff auf meine tiefen Gefühle und Bedürfnisse. Ich kenne sie oftmals nicht und wenn ich sie kenne, fällt es mir sehr schwer sie zu artikulieren, geschweige denn zu vertreten (und durchzusetzen).
  4. Ich habe die große Sehnsucht, in meiner Beziehung erwachsen zu sein. Eine Beziehung, die sich nicht wie Enge anfühlt, sondern wie ein Garten, in dem es allerhand zu entdecken gibt und frühlingshaft duftet.
  5. Ich habe Angst davor, dass meine Frau und ich nicht wirklich zueinander passen, weil unsere Beziehungsdynamik wie eine Art „Schlüssel“ und „Schloss“ in eine belastende, destruktive Richtung gehen.
  6. Ich habe mich irgendwie verloren. Ich empfinde wenig Freude, obwohl es Anlass dafür gibt. Vielmehr ist mir alles eine Last.
  7. Für meine Frau muss unsere Beziehung irgendwie die Hölle sein. Ich dachte immer, durch meine Art tue ich ihr einen Gefallen oder entspreche Ihren Vorstellungen an unsere Beziehung. Aber ich muss erkennen, dass ich kein guter, bereichernder Partner, sondern ein passives, unfaires und unehrliches Kind bin.

Robert A. Glover benennt in seinem Buch „Nie mehr Mr Nice Guy“ die Zeit für sich allein als ganz zentralen Baustein für die Entwicklung der eigenen Selbstwahrnehmung und -reflexion. Im Alleinsein bzw. im Für-Sich-sein geben wir (Nice Guys) uns die Gelegenheit, in uns hineinzuhorchen. Dies ist uns, wenn wir mit anderen, insbesondere dem Partner sind, nicht möglich, weil unsere Antennen ausgefahren sind und wir (laufend) unsere Umgebung abchecken auf Bedürfnisse und Anforderungen, die (vermeintlich) an uns gestellt werden, Konflikte, Vorwürfe, etc. In dem Alleinsein können wir fühlen, was in uns ist, was uns bewegt und ausmacht. Das In-Sich-Hineinhören ist schwierig und ungewohnt. Aber es schafft überhaupt erst den Anfang für Selbstwahrnehmung.

So sehr es mir schmeckt oder nicht: damit ich der sein kann, der ich sein möchte, und damit ich frei von Ängsten sein kann, muss ich mehr Zeit mit mir allein verbringen (nicht mit meiner Frau oder mit meinen Freunden oder Eltern, etc.), mit mir ganz allein. Das wirkt überfordern für mich, aber ich komme gerade aus eben jenen „freien Tagen“ und ich muss trotz aller Ängste eingestehen, dass ich näher an mir bin und irgendwie auch mehr Kontrolle spüre.

My wife was away on business for several days, for the first time in our long relationship. I am currently suffering from an anxiety disorder with depressive tendencies. The day before she left, I was overcome with fear of being alone. It was a feeling I hadn’t had in a long time. How would I manage on my own? Years ago, this sentence would have been unthinkable for me. Back then, it would have been the most natural thing in the world for me to manage on my own, and it would have been much more difficult for me to be in a relationship. So the signs have changed, but massively.

I began to feel how dependent I had made myself on my wife, and my head was filled with panic when I realised I would be alone for several days. I can’t say that I was lonely. No, I met friends and did things (but mainly to pass the time and feel less afraid of being alone). But after a certain amount of time, I was able to enjoy the meetings. However, I also pondered considerably more during those days, as I lacked the resonance I had with my wife.

The days I spent alone taught me a lot:

  1. I am far from being independent and fearless.
  2. In my relationship, I take on a very dependent, passive role, and it was extremely unusual for me to plan and shape my own life over the past few days. In contrast, my wife is quite dominant.
  3. When I look at my relationship, I feel like a little boy. I want to do the right thing, be recognised, and I am very much focused on the other person. My primary concern is always the satisfaction of my emotional needs, and I have very little access to my deep feelings and needs. I often don’t know what they are, and when I do know, I find it very difficult to articulate them, let alone represent (and enforce) them.
  4. I have a great longing to be an adult in my relationship. A relationship that doesn’t feel restrictive, but like a garden where there is all sorts to discover and it smells like spring.
  5. I am afraid that my wife and I are not really suited to each other because the dynamics of our relationship are like a kind of ‘key’ and ‘lock’ that are moving in a stressful, destructive direction.
  6. I have somehow lost myself. I feel little joy, even though there is reason to be joyful. Instead, everything feels like a burden to me.
  7. For my wife, our relationship must be hell. I always thought that my behaviour was doing her a favour or that it met her expectations of our relationship. But I have to admit that I am not a good, enriching partner, but rather a passive, unfair and dishonest child.

In his book ‘No More Mr Nice Guy’, Robert A. Glover identifies time alone as a key component in developing self-awareness and self-reflection. When we are alone or by ourselves, we (nice guys) give ourselves the opportunity to listen to our inner voice. This is not possible when we are with others, especially our partner, because our antennae are out and we are (constantly) checking our surroundings for needs and demands that are (supposedly) placed on us, conflicts, accusations, etc. When we are alone, we can feel what is inside us, what moves us and defines us. Listening to ourselves is difficult and unfamiliar. But it is the first step towards self-awareness.

As much as I like it or not: in order to be who I want to be and to be free of fears, I need to spend more time alone (not with my wife or my friends or parents, etc.), completely alone with myself. This seems overwhelming to me, but I have just come back from those ‘days off’ and, despite all my fears, I have to admit that I am closer to myself and somehow feel more in control.

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