Männerwelten

27.02.2026

Wann ist der Mann ein Mann? Diese Frage drängte sich mir auf, als die Männerclique, zu der ich Anschluss fand, eine Art „Wettbewerb“ in turnusmäßigen Abständen ins Leben rief mit der Absicht, sich in puncto männliche Leistungsfähigkeiten zu messen. Es geht dabei nicht Hochleistungssport, wie es bei den antiken Olympioniken der Fall war, oder um intellektuelles Hochreck. Zu den Kampfarenen wurden Bowlingbahnen, Dartscheiben und Billardtische bestimmt. Es gibt ein strenges Punktesystem, aus dem ein endgültiger Gewinner hervorgeht. Das klingt nach netten Männerabenden mit offiziellem Anstrich.

Einerseits freute ich mich auf diese Abende mit den „Jungs“, denn wenn die Leistung im Vordergrund steht, dann bedarf es keiner Gesprächsthemen (die in den bisherigen Treffen für mich manchmal schwierig waren bzw. ich keinen richtigen Einstieg finden konnte, insbesondere weil Themen gar nicht besprochen oder diskutiert, sondern „angeworfen“ wurden). So versprach ich mir eine gewisse Lockerheit und Leichtfüßigkeit von diesen Veranstaltungen. Auch nahm ich an, dass der Spaß im Vordergrund stehen wird, schließlich dürfte man die Wettkampf-Stationen allesamt als sinnleer und als ironische Form eines echten Wettkampfes bewerten.

Unbehagen bereitete mir von vornherein, dass ich gar nicht zu diesen „klassischen“ Männern gehöre, die sich bei jeder Gelegenheit und aus Freude an der Sache (be)wetteifern wollen/müssen. Ehrlich gesagt habe ich ein recht sonderbares Verhältnis zu dieser Form der Männlichkeit. Ich kann gewinnen und verlieren. Ich kann mich behaupten und zur Not auch mal „unter der Gürtellinie“ agieren. Ich bin als Typ „Mann“ aber eher derjenige, der den anderen für seine Leistungen beglückwünscht und immer fair ist bzw. sein möchte. Ich bringe da etwas sehr Ausgleichendes und Harmonierendes mit. Ein echter Nice Guy eben!

Und so sagte mir eine innere Stimme, dass Gefahr droht, als softer Nice Guy in diesem Wettbewerb enttarnt und gedemütigt und zerrissen zu werden wie eine scheue Antilope, die von Löwen umzingelt ist. Mir fehlt diese Art der Männlichkeit, die eigensinnig bzw. egoistisch ist, sich selbst in den Vordergrund hebt, Forderungen und Ansprüche stellt, sich durchsetzt und Konflikte sucht zur eigenen Selbstaufwertung. Mit anderen Worten: als Spaß verkleidete Messungen der Männlichkeit bedrohen meine Eigene.

Es kam wie es kommen musste. Der Spaß war offiziell anwesend, indes der Leistungs- und Gewinnanspruch der Beteiligten (sehr) hoch und Misstöne und -launen gesellten sich schnell zu uns Bowling-Olympioniken: „Ich kann doch nicht Letzter sein, dafür bin ich viel zu gut“. Oder: „ich hätte von vornherein die Technik anwenden sollen, die ich am Besten kann. Jetzt läuft es endlich besser“. Meine eigene, teilnehmende Unsicherheit bemühte ich mit Bier zu besänftigten, was zwar half, aber meine Leistungsperformance nachhaltig verschlechterte. Auch ich war genervt, denn ich hatte mich auf eine Niederlage zwar eingestellt, wollte aber nicht „haushoch“ verlieren und mir die Blöße als „Weichei“ geben. Klingt das nicht nach Spaß?!

Ich für meinen Teil erkennen folgende Probleme in dieser Situation:

  1. Erwartungen

Was hatte ich erwartet? Für mich sollten die kämpferischen Abende ein Mittel sein, um „anderen“ Kontakt zu den „Jungs“ zu bekommen und über das gemeinsame Empfinden von „Spaß“ auch einen größeren gemeinsamen Nenner, also eine Verbesserung unserer Beziehung. Ich hätte mir dabei aber denken können, dass das Gesellschaftliche in den Hintergrund treten und der Ansporn dominieren wird. Ich bin also von falschen Vorstellungen ausgegangen (obwohl ich gewarnt wurde).

Wenn du irgend etwas unternehmen willst, so mach dir klar, welche Art das Unternehmen ist. Wenn du z.B. baden gehst, so stell dir vor, wie es in einer Badeanstalt zugeht, wie sie mit Wasser spritzen, einander anrempeln, beschimpfen und bestehlen. So wirst du dich mit größerer Sicherheit an die Unternehmung machen […]“ – Epiktet – Handbüchlein der Moral, Ziffer 4.

Ich hätte mir also im Vorfeld ausmalen sollen, wie es bei solchen Abenden zu hitzigen Streiterein, Druck und Konflikten kommen wird und wie sich die erhöhten Testosteron-Spiegel durch selbstmotivierende Kampfansagen entladen. Dies hätte, wenn ich ehrlich bin, sehr nahe gelegen zu tun. Dann hätte ich entscheiden können, ob ich Teil einer solchen Spaß-Kampf-Druck-Veranstaltung sein möchte und ob für mich selbst dann noch das Gesellschaftliche im Vordergrund steht. Kurzum: ich wäre – stoistisch richtig – vom „schlimmsten“ Fall ausgegangen um mich frei von Erwartungen zu machen, die nicht meiner eigenen Kontrolle unterliegen.

2. Sinn und Unsinn

Welcher Sinn liegt in der Teilnahme an diesen „freundschaftlichen“ Wettkämpfen (für mich)? Die Anwort auf diese Frage ist schwierig. Es geht mir um meine eigene Akzeptanz in dieser konkreten Gruppe (die mir nach meinen eigenen Eindrücken bisher fehlte). Die Akzeptanz würde vielleicht schon durch die Teilnahme, sodann aber durch ggf. achtbare Erfolge und den draus gewonnenen Respekt begründet werden, so nach meiner Vorstellung. Also habe ich mir eine Unternehmung „aufgehalst„, bei der ich Akzeptanz durch Erfolg und aktive Teilnahme suchte. Wenn ich mich also „gut“ oder „sehr gut“ schlagen würde (ohne aber zu gut zu sein, was mich wieder ausgrenzte), dann erfahre ich Akzeptanz, während sie ausbleibt, wenn nicht performe (oder auch nicht mehr für die beiden „Absacker„-Biere nach dem Kräftemessen mehr bleibe).

Solltest Du jemals deinen Willen auf etwas richten, dass nicht in deiner Macht steht, um jemand anderen zu beeindrucken, dann sei versichert, dass du damit den Sinn deines Lebens zunichte machst. Sei also zufrieden damit, in allem, was du tust, ein Philosoph zu sein und wenn du auch als ein solcher angesehen werden möchtest, dann beweise erst dir selbst, dass du einer bist, und du wirst erfolgreich sein“ – Epiktet – Enchridion, 23.

Hier nun wieder die Stoiker: ob ich von den Anderen mit oder ohne Erfolge in der Gruppe akzeptiert werde, liegt nicht in meiner Gewalt. Und deswegen soll ich auch nicht meine Hoffnungen darauf setzen. Erst recht soll ich mir keine Ziele setzen, um damit andere zu beeindrucken.

Außerdem stellt sich Frage nach der objektiven Sinnhaftigkeit einer solchen Beschäftigung. Wettkämpfe mögen zur Stärkung des Selbstbildes und zur Selbstbehauptung hilfreich sein – aber in Kneipen, bei unsinnigen Beschäftigungen? Seien wir ehrlich, es ist ein Wettkampf und dann sollte er auch als solcher kommuniziert und auch umgesetzt werden. Ob dann Darten, Billard und Bowling sinnvolle Beschäftigungen zum Kräftemessen sind, bleibt in der Beurteilung jedem selbst überlassen.

Ich muss mich abschließend dazu entscheiden, in solchen Veranstaltungen, wenn ich sie denn weiterhin begleite, keine Akzeptanz suche und keinen Eindruck zu hinterlassen beabsichtige.

3. Gelebte Männlichkeit

Robert A. Glover empfiehlt in seinem lesenswerten Buch „Nie mehr Mr Nice Guy„, dass das Nice Guy Syndrom insbesondere durch das Suchen und Finden von Beziehungen und Freunschaften zu anderen Männern gelöst wird und dort richtige Männerdinge zu tun. Unter diesem Gesichtspunkt dürfte das turnusmäßige Kräftemessen, sei es nun sinniger oder unsinniger Art, ein passender Weg für das (Er-) Leben meiner eigenen Männlichkeit sein, wenn Testosteron in der Luft liegt und andere Dinge als Einfühlungsvermögen und Resonanz zählen.

Und so komme ich zu dem Entschluss, dieser Männerrunde weiter beizuwohnen, einfach um (robustere) Männlichkeit zu erfahren. An manchen Stellen mag es mir unsinnig vorkommen, aber dies ist eben ein Teil dieser Männlichkeit, die ich zu akzeptieren habe. In diesem Zuge habe ich auch zu akzeptieren, dort nicht nach Anerkennung zu streben. Ich begleite die Gruppe des Mannseins wegen und versuche es, alle Farben zu genießen. Und vor dem nächsten Treffen stelle ich mir den Abend in seiner schlimmsten Art vor, um gewappnet zu sein. Mein Dank an Epiktet!

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