25.02.2026
Mit meiner Wut ist es wie eine kleine Nussschale auf hoher, stürmischer See. Ich habe keine Kontrolle über sie und sie kann mich mitunter in Stücke reißen. Meine Umwelt erfährt davon recht wenig, oftmals ein tiefes Schweigen oder eine passive Gereiztheit. Während es mir kocht und ich diese Energie mit Kräften versuche runterzudrücken oder einzufangen, verstarre ich im Außen in Lähmung.
Wer kennt es nicht: ungewünschte Besuche, nervende Kollegen, Wünsche und Bitten von allen Seiten, Unverständnis, Diskussionen und Streit. Der innerliche Kompass schreit: NEIN, NEIN, NEIN. Aber der Mund sagt: na gut, ok, einverstanden, tut mir ja nicht so weh. Daily Business eines Nice Guys.
Was entsteht und in mir bleibt und dort wuchert, ist unverarbeitete Wut. Zu gerne würde ich explodiren, die Kontrolle und Fassung verlieren und mich voll und ganz der Zerstörung hingeben. Warum tue ich es nicht einfach? Warum setze ich Unmengen an Gegenenergie ein, um diese (Ausgangs-) Energie zu bändigen? Wut ist unschön. Sie scheint wie eine Form der Schwäche und der fehlenden Selbstbeherrschung. Und sie passt so gar nicht zu dem inneren Drang, gefallen zu wollen. Wut gefällt nicht, sie schmeichelt nicht, nacht es nicht recht und sie ist erst recht nicht harmonisch und balancierend. Sie ist kein Sonnyboy.
Und nun? Wie gehe ich mit diesem Energievulkan um, ohne mich selbst ins Abseits zu stellen? Zu Hause wurde Wut entweder gar nicht gelebt (Mutter) oder ungefiltert rausgelassen (Vater). Ich habe nicht gelernt, einen vernünftigen Weg im Umgang mit ihr zu finden. Mir fehlen Vorbilder und Vorstellungen.
Epiktet begegnet der Wut mit Gleichmut:
„Bei allem, was dir widerfährt, denke daran, dich dir selbst zuzuwenden und zu untersuchen, welche Kraft du hast, dich ihm auseinanderzusetzen. Wenn du ein schönes Mädchen erblickst, so wirst du als Gegenkraft die Selbstberrschung in dir finden; mutet man dir eine schwere Strapaze zu, so wirst du Ausdauer, beleidigt man dich, Gleichmut finden. Wenn du dich daran gewöhnt hast, werden dich die Eindrücke und (falschen) Vorstellungen nicht mehr hinreißen“ – Handbüchlein der Moral, Ziffer 10 – Gegenkräfte in dir.
Was auch immer meine Wut erzeugt, sie ist mein selbst geschaffenes Erzeugnis und ich verfüge auch über die Gegenkräfte in mir. Wir sind im ersten Reflex auf die „Quelle“ unserer Wut wütend: auf den Partner, den Freund, die Eltern, die Geschwister und Arbeitskollegen. Aber können sie uns wirklich wütend machen? Haben sie die Macht dazu, uns wütend zu machen? Vielleicht geben wir ihnen – aus Gründen der Bequemlichkeit und frewilligen Abhängigkeit – diese Macht über uns.
Was wäre, wenn ich die Macht über meine Wut habe und sie als Kompass anerkenne? Ich erzeuge die Wut in mir und ich habe auch die Gegenkraft in mir: den Gleichmut. Wut soll leiten, nicht zerstören. Wir sollten sie weder runterschlucken noch ungefiltert rauslassen. Wir sollen sie akzeptieren und uns erinnern, dass wir ihr etwas Kräftigeres entgegenstellen können.
Meine Reflexion für heute: sobald mich wieder jemand nervt und ich mich ungerecht behandelt, ungesehen oder leer fühle, erzeuge ich Wut. Ihr kann ich mit Gleichmut begegnen. „Da habe ich mal wieder jemanden Macht über mich gegeben, weil ich mich nicht abgrenzen wollte. Ich erzeuge die Wut und ich trage sie und atme sie raus. Ich habe Kontrolle über meine Wut.“
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