Die guten alten Zeiten, wir haben zusammen gefeiert, Spaß gehabt und auch getrauert. Dann kam das Leben mit seinen Hürden, für beide von uns, räumliche Trennung, unterschiedliche Entwicklungen, Interessen, Probleme. Der „Kit“ der Freundschaft von damals scheint sich in Luft aufgelöst zu haben, wir sprechen unterschiedliche Sprachen. Und es bleiben alte Wunden, die wir uns hinterlassen haben, und schöne Erinnerungen.
Eine Jugendfreundschaft muss im Erwachsenenalter gepflegt werden. Es muss investiert werden in gemeinsame Zeit, in Austausch und Zuhören, gerade wenn es eigentlich nervt und der eigene Alltag bestimmend scheint, gerade wenn die Couch am Abend reizvoller scheint als ein 30-minütiges Telefonat.
Er sagt, ich habe ihn im Stich gelassen, als es ihm besonders schlecht ging. Das stimmt auch, ich hatte zum einen meine eigenen Probleme und fühlte mich nicht stabil genug, um seine Probleme mitzutragen. Zum anderen war seine Situation tatsächlich belastend und ich hatte das Gefühl, mit gut gemeinten Anrufen aus der Ferne nicht viel bewirken zu können. Andere Freunde vor Ort konnten besser helfen (was sie auch taten). Meine Schuldgefühle bleiben, entschuldigt habe ich mich nie.
Ich sage, er nutzt mich aus, seit vielen Jahren. Er meldet sich nur dann, wenn ich ihm helfen soll. Wenn wir uns treffen, weil ich es vorschlage, dann erzählt er nur von sich und seinem kleinen Leben. Verständnis oder nur ein Ohr für mein Leben, meine Probleme, ist nicht und war nie vorhanden. Die Grundposition unserer Freundschaft krankte: ich war der verzogene Sohn mit goldenem Löffel im Mund, soft, kein Rabauke. Er hat es mich all zu oft spüren lassen mit Abwertung, unbegründeten Erwartenshaltungen an mich, ich sei ihm irgendetwas schuldig für die ungleiche Verteilung. Und als lieber Kerl habe ich diese ungleiche Verteilung lange, lange Zeit zu kompensieren versucht. Eigentlich war ich über all die Jahre in einer nicht endenden Bringschuld, die aus seiner Sicht vollkommen gerechtfertig war und ist.
Er kennt meine Triggerpunkte. Er spricht schlecht über mich hinter meinem Rücken in Form von krassen Vorwürfen, die mich extrem wütend machen. Er macht Vorwürfe, spricht schlecht, beklagt sich und erzählt unwahre Dinge.
„Zwei Männer, die sich gründlich aussprechen sollten“, ist es nicht so? Vielleicht habe ich Angst vor der Aussprache, vor Vorwürfen, vor Sichtweisen, die ich nicht mehr verstehen kann. Vielleicht ist es mir zuviel. Vielleicht suchte ich die Aussprache nur deswegen, damit er seinen Mund hält und er endlich aufhört, mich zu quälen.
Ich habe innerlich vor langer Zeit „F*** Dich“ zu ihm gesagt. In der Zeit habe ich Hilfe und Unterstützung, einen Freund, benötigt, und keinen als Freund verkleideten Hater mit einem Messer hinter meinem Rücken. Jemanden, der mir das Gefühl gibt, in Ordnung und richtig zu sein, auch wenn ich Manches falsch gemacht habe. Freunschaft funktioniert so nicht, diese Erkenntnis sollten wir Beide mitnehmen.
Was bleibt ist, dass ich mich selbst hate, da ich sein respektloses Verhalten schweigend dulde und keinen Mut aufbringe, ihm die Stirn zu bieten. Meine Konfliktscheue ist ihm lange bekannt und er reitet genüsslich darauf herum. Außerdem hasse ich diese alte Rolle, die ich bis heute nicht losgeworden bin: Sohn, Softy, kein Platz am Tisch.
Für Epiktet ist der Umgang mit Lästereien hinter dem eigenen Rücken leicht erklärt: „Wenn dir jemand berichtet, der oder jener sage Schlechtes über dich, so rechtfertige dich nicht, sondern antworte: Nun, er kannte wohl meine anderen Fehler nicht, die mir anhaften; denn sonst würde er nicht diese allein anführen“ – Handbüchlein der Moral – Ziffer 33. Fein! Mein Freund kannte wohl meine Konfliktscheue und meine nachtragende, passive Wut nicht. Er kannte offensichtlich auch nicht meine Unfähigkeit, mit fehlender Harmonie und falschen Vorwürfen klarzukommen. Ihm war meine stark ausgeprägte Verletzlichkeit, meine Sucht nach Anerkennung und nach einem Saubermann-Image und auch meine narzisstischen Züge nicht bekannt (oder vielleicht eben doch, da er mich hier ja in einer Schraubzwinge lässt). Wenn er dies alles gewusst hätte, dann hätte er gut daran getan, sich auch darüber bei Anderen zu beschweren. Bisher bin ich da noch glimpflich weggekommen.
Werden wir von Anderen gereizt, beleidigt oder gedemütigt, so rät uns Epiktet außerdem zur Besonnenheit und zur Einsicht, dass nicht der Andere uns reizt oder demütigt, sondern allein unsere Vorstellung. Wir können nicht kontrollieren, was die Anderen über uns sagen und denken. Unter eigener Kontrolle haben wir, wie wir es bewerten, dass über uns schlecht gesprochen wird. Ich kann mich also fragen, warum es mich verletzt und demütigt, wenn Andere schlecht über mich reden. Wie wichtig ist mein falscher Stolz und meine Sucht nach Anerkennung im Vergleich zu innerer Freiheit? Habe ich den Kampf nicht für mich gewonnen, wenn ich mich frei davon mache, mich zur Wehr setzen zu müssen? Kann ich mein (angekratztes) Selbstbild überhaupt erfolgreich verteidigen, indem ich mich verteidige?
Ich habe doch letztlich keinen wirklichen Einfluss darauf, was der Freund von mir denkt. Ich könnte mich nun Jahre nicht melden oder jeden Tag versuchen, die Freundschaft zu retten. Ich könnte weiterhin meine alte Rolle erfüllen oder neue Wege suchen. Sein Bild von mir kann ich nicht ändern, ich bin insoweit machtlos. Also kann ich auch jeden Versuch unterlassen, sein Bild von mir zu ändern. Er darf über mich denken, wie bzw. was er möchte und ich darf mich dazu entscheiden, ob ich mich gedemütigt fühle, wenn sein Bild von mir nicht mit meinem Selbstbild übereinstimmt. Insofern sind wir Beide frei.
Wir wollen allzu gern unter Kontrolle haben, was Andere über uns denken und wir müssen einsehen, dass wir machtlos sind, egal wie sehr wir uns bemühen. Was sich als Machtlosigkeit anfühlt, ist eigentlich Freiheit.
The good old days, we celebrated together, had fun and also mourned. Then life came along with its hurdles, for both of us, physical separation, different developments, interests, problems. The ‘kit’ of friendship from back then seems to have vanished into thin air, we speak different languages. And what remains are old wounds that we left behind and fond memories.
A childhood friendship has to be nurtured in adulthood. You have to invest in spending time together, in talking and listening, especially when it’s annoying and your own everyday life seems to take precedence, especially when the sofa seems more appealing in the evening than a 30-minute phone call.
He says I let him down when he was going through a particularly bad time. That’s true, on the one hand I had my own problems and didn’t feel stable enough to take on his problems as well. On the other hand, his situation was indeed stressful and I felt that well-intentioned phone calls from afar wouldn’t make much difference. Other friends who were there were better able to help (which they did). My feelings of guilt remain, I never apologised.
I say he has been exploiting me for many years. He only gets in touch when he needs my help. When we meet because I suggest it, he only talks about himself and his little life. He has never shown any understanding or listened to my life and my problems. The basis of our friendship was flawed: I was the spoilt son with a silver spoon in my mouth, soft, not a troublemaker. He made me feel it all too often with disparagement, unfounded expectations of me, that I owed him something for the unequal distribution. And as a nice guy, I tried to compensate for this unequal distribution for a long, long time. In fact, over the years, I was in a never-ending debt that, from his point of view, was and is completely justified.
He knows my trigger points. He speaks badly about me behind my back in the form of harsh accusations that make me extremely angry. He makes accusations, speaks badly, complains and tells untrue things.
‘Two men who should talk things through thoroughly,’ isn’t that so? Maybe I’m afraid of the discussion, of accusations, of perspectives that I can no longer understand. Maybe it’s too much for me. Maybe I only wanted to talk it out so that he would shut up and finally stop tormenting me.
A long time ago, I said ‘F*** you’ to him in my heart. At that time, I needed help and support, a friend, not a hater disguised as a friend with a knife behind my back. Someone who makes me feel okay and right, even if I’ve done some things wrong. Friendship doesn’t work that way, and we should both take that lesson with us.
What remains is that I hate myself for silently tolerating his disrespectful behaviour and not having the courage to stand up to him. He has long been aware of my aversion to conflict and relishes in exploiting it. I also dislike this old role that I have not been able to shake off to this day: son, softie, no place at the table.
For Epictetus, dealing with gossip behind one’s back is easily explained: ‘If someone tells you that so-and-so is saying bad things about you, don’t justify yourself, but reply: Well, he probably didn’t know about my other faults, because otherwise he wouldn’t mention only these’ – Enchiridion – Section 33. Fine! My friend was probably unaware of my aversion to conflict and my resentful, passive anger. He was also obviously unaware of my inability to cope with disharmony and false accusations. He was unaware of my pronounced vulnerability, my craving for recognition and a squeaky-clean image, and my narcissistic traits (or perhaps he was aware of them, since he is putting me in a vice here). If he had known all this, he would have been well advised to complain about it to others as well. So far, I have gotten off lightly.
When others provoke, insult or humiliate us, Epictetus also advises us to remain calm and realise that it is not the other person who provokes or humiliates us, but our own perception. We cannot control what others say and think about us. What we can control is how we evaluate negative comments about ourselves. So I can ask myself why it hurts and humiliates me when others speak badly of me. How important is my false pride and my addiction to recognition compared to inner freedom? Haven’t I won the battle for myself when I free myself from having to defend myself? Can I even successfully defend my (damaged) self-image by defending myself?
Ultimately, I have no real influence over what my friend thinks of me. I could now go years without contacting him or try every day to save the friendship. I could continue to fulfil my old role or look for new paths. I cannot change his image of me; I am powerless in that respect. So I might as well refrain from any attempt to change his image of me. He is free to think what he wants about me, and I am free to decide whether I feel humiliated when his image of me does not match my self-image. In this respect, we are both free.
We are all too eager to control what others think of us, and we must realise that we are powerless, no matter how hard we try. What feels like powerlessness is actually freedom.